Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Was soll noch endlich daraus werden? 
dem Volksdialekt*) stammen, und dessen Provinzialismen nicht bloß 
im mündlichen Verkehr der Gebildeten gebraucht, sondern auch geschrieben 
und gedruckt werden. Was ich hier als Beispiele anführe, entnehme ich 
ebenso, wie die oben gegebenen, meinen eigenen Erfahrungen und verwahre 
mich ausdrücklich gegen den Vorwurf der Erfindung. Ich höre und lese: 
„Vergesset bei dieser Kälte nicht auf die armen Postboten!" so daß der 
bekannte Vers so lauten müßte: „Der Herr hat auf mich nie vergessen, 
vergiß mein Herz auf ihn auch nicht." „Er hat sich um mich angenom 
men." „Er interessierte sich um dich." „Man hat die Frage unter 
worfen." „Man hat ihn traktiert" ohne weiteren Beisatz so viel als: 
„Man hat ihn geschlagen." „Er ist liegerhaft krank." „Unsere 
Dienstmägde sind bekanntlich schlauderifch." Ich bitte nicht zu über 
sehen, so druckt man! — Man spricht und schreibt nicht bloß „bereits 
schon," sondern braucht auch das Wort „bereits" so, daß es ohne alle 
Bedeutung ein bloßes Flickwort zu sein scheint. Diese wenigen Beispiele 
statt vieler, die uns zu geböte stehen! 
Was aber, wenn man so fortfährt, wie man angefangen, unserer 
Sprache den empfindlichsten Schaden zufügen wird, das ist das Studenten 
deuts ch. Wer auf die Redeweise gebildeter Männer (und leider auch 
Frauen) achtet und beim Lesen unserer Zeitungen auf den Ausdruck seine 
Aufmerksamkeit zu richten pflegt, wird diese Behauptung nicht übertrieben 
finden. Noch vor dreißig Jahren war es allgemeine Gewohnheit der 
Studierenden, mit dem Abgang von der Hochschule die ganze Studenten 
sprache dahinten zu lassen, wie einst die Schiefertafel beim Übergang 
zum Gymnasium. Dennoch hatten sich schon damals einige Worte 
der Studentensprache in der Sprache des täglichen Lebens eingebürgert. 
Das vielgebrauchte Wort „fidel" wenigstens stammt daher, und wir 
gestehen, der Gebrauch desselben berührt uns stets unangenehm, besonders 
im weiblichen Munde. Wie klingt das, wenn eine junge Dame sagt: 
„Mein Schwager ist ein kreuzfideles Haus"?**) Später ist aus der 
selben Quelle das jetzt fast allgemein gebräuchliche Wort „pumpen" an 
statt „leihen" eingeschleppt worden, so daß man in Dorffchenken angeschrieben 
finden kann: „Hier wird nicht gepumpt." — Jetzt aber wird es immer 
gewöhnlicher, daß Männer aller Fakultäten die Sprache, welche sie auf 
*) Sind die angeführten Proben wirklich Erzeugnisse des eigentlichen Volks 
dialekts? und ist dieser in seiner ursprünglichen Frische nicht dazu wohl geeignet, 
die Schriftsprache immer zu ergänzen und neu zu beleben? Die Red. 
**) Noch häßlicher ist das „famos" im Munde junger Mädchen. Die Red.
	        

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