Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

Was soll noch endlich daraus werden? 
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der Universität mit ihresgleichen redeten, ihr ganzes Leben hindurch fort 
sprechen. Geschähe dies nur im Scherz und im vollen Bewußtsein, man 
erlaube sich eben einmal, in einer sonst unstatthaften Sprache zu reden, 
so wäre dagegen wenig zu erinnern, nur daß wir auch in diesem Falle 
zu ernster Wachsamkeit ermahnen müßten. Daß es aber nicht in diesem 
Sinne geschieht, kann man täglich beobachten. Es geschieht, weil man 
sich gehen läßt und es nicht für nötig hält, sich einen Zwang anzulegen. 
Darüber verliert man das Gefühl zuerst für die richtige Ausdrucksweise 
und dann für die Schönheit unserer Sprache. Aus diesen Kreisen dringt 
diese Unart bereits in alle Kreise des Volks ein. Man hört im Munde 
von Damen: „Er ist ein gelehrtes Haus." Man hört Kaufleute sagen: 
„Er ist verdonnert worden." Kinder sprechen untereinander: „Es ist mir 
schnuppe." Ist es da zu verwundern, daß man auch in Briefen und, 
was noch schlimmer ist, in unsern Zeitungen dieser neuen Mundart begeg 
net? So lese ich z. B. in einer Zeitung: „Die Schneider von C. sind 
ganz paff über dieser Nachricht." Vieles, vieles Andere sei verschwiegen! 
Wahrlich, es thäte not, Vereine zu gründen, welche ihre Mitglieder für 
jedes studentische Wort und für jede studentische Sprachwendung mit einer 
Geldstrafe belegten, wie solche in den letzten Kriegsjahren hie und da 
bestanden zur Abschaffung aller französischen Ausdrücke.*) 
Die Sache ist für jeden echten Deutschen eine sehr ernste Angelegen 
heit. Was muß geschehen, um diesem Verderben zu wehren? 
Vor allem muß hier die Schule ihren ganzen Einfluß aufbieten, um 
je eher je besser in dem heranwachsenden Geschlechte den Sinn zu bilden, 
der dem eindringenden Verderben sich entgegenstemmt. Jedes Glied des 
teuern Lehrerstandes von der Dorfschule hinauf bis zur Hochschule muß 
in Stil und Ausdrucksweise den Schülern ein tägliches Vorbild werden 
und darf keinem in oder außer den Unterrichtsstunden einen unpassenden, 
unrichtigen oder nicht hochdeutschen Ausdruck oder Satz hingehen lassen. 
Der Volksschullehrer und der Gymnasiallehrer müssen Gelegenheit nehmen, 
in den Lesestücken, später in den Aufsätzen und bei den Proben aus unsern 
Klassikern auf das Schöne und Richtige aufmerksam zu machen. Mögen 
unsere lieben Dorf- und Stadtkinder außer der Schule die gewohnte 
Volksmundart sprechen, in der Schule und im Umgang mit Gebildeten 
*) Nur im Vorbeigehen weise ich auf die Neigung unserer Zeitungsschreiber 
hin, neue Wörter zu bilden. Wir haben auf diesem Wege solche häßliche Wort 
bildungen erhalten wie „Attentäter" und „Urlauber". Einen Menschen, der Ab 
schied nahm, nannte ein Blatt kürzlich einen „Abschiedling".
	        

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