Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

des Willenslebens unserer Schüler thun? 
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Geschichtsunterricht Willensstärke, thatkräftige, zielbewußte Charaktere 
zeichnet, so strömt in den Schüler immer etwas über von männlicher 
Kraft. Wenn sich der Knabe ganz hineinlebt in ein Lied wie: „Mein 
Arm wird stark und groß mein Mut," oder: „Ich bin vom Berg der 
Hirtenknab'" oder: „Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem 
Bein," und wenn er dann singt und sagt von dem, was ihn erfüllt: da 
blitzt das Auge, da wird das Herz fest, da regt sich ein starkes Gefühl 
in seiner Brust. Wenn der Religionsunterricht zu der Erkenntnis führt, 
daß das Gute nichts anderes ist als die Einheit des Willens mit den 
Forderungen des göttlichen Gesetzes, und das Böse nichts anderes als der 
Widerstreit beider; wenn der Schüler Gott den HErrn als den allgegen 
wärtigen und allezeit unsichtbar nahen kennen lernt, vor dessen Augen 
auch die geheimsten Falten des Herzens nicht verborgen bleiben; wenn 
die Thatsachen der biblischen Geschichte zu einer Reihe lebendiger Vor 
bilder oder ernster Warnungstafeln sich gestalten: so kann das der heil 
samste Anstoß zu sittlichen Entscheidungen werden. „Kann", betone ich 
nicht ohne Absicht. Denn, wer da glaubt, wenn der Zögling die Vor 
schriften für sein sittliches Verhalten kenne, so werde er sie auch zum 
Maßstabe für sein Wollen und Handeln machen, der vergißt, daß die 
selben vorerst bloß allgemeine sittliche Grundsätze sind, die einem künftig 
einmal eintretenden Wollen die Richtung geben sollen. Bei diesem bedarf 
es immer wieder einer besondern Entscheidung für das Richtige. Letztere 
wird aber um so sicherer eintreten, je kräftiger und tiefer das innere 
Leben der Schüler durch den Unterricht angefaßt ist. In welchem Falle 
hat nun der Unterricht diese Eigenschaft? Die tiefsten Eindrücke auf das 
Gewissen — das ist das Ergebnis meiner eigenen Lebenserfahrung — 
werden nicht durch gefühlige Paränesen oder durch einen wohlgesetzteu 
Sermon ox cathedra hervorgerufen — über diese hilft sich bekannter 
maßen der Schülerwitz in höheren Lehranstalten durch eine äußerst treffende 
humoristische Metapher hinweg —, sondern durch einen kurzen ans Herz 
greifenden Hinweis bei einem bestimmten Vorkommnis, also dann, wenn 
das Leben selbst und in dem Zuspruche des Lehrers erlebtes Leben redet. 
Thatsachen hat demnach die religiöse Unterweisung zu bringen, und zu 
Thatsachen werden auch sittliche und religiöse Wahrheiten, wenn sie in 
dem, der sie lehrt, eigenes Erlebnis geworden sind. Nur wer zeugt, der 
überzeugt, und nur, wo der Religionsunterricht ein geweihtes Thun im 
Hause und vor dem Angesichte Gottes ist, da dringt er an die tiefsten 
Wurzeln des inneren Lebens.
	        

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