Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

464 
Kühl: Über das Zusammenwirken 
mit der Erziehung im engeren Sinne, sofern sie die Erzeugung einer 
sittlich bestimmten Persönlichkeit, eines sittlichen Charakters zum Zweck hat. 
Alle Sittlichkeit wurzelt in der Religion, in der Beziehung des 
Menschen zu einem höchsten Wesen, aus dessen Willen seine Moral ihr 
Gesetz empfängt. So bestimmt sich bei jedem einzelnen Volke der Begriff 
der Sittlichkeit nach der Vollkommenheit nnd Klarheit seiner religiösen 
Vorstellungen. Eine andere ist die heidnische, eine andere die jüdische, 
eine andere die christliche Sittlichkeit. Eine allgemein-menschliche 
Sittlichkeit gibt es nicht, weil es keine allgemein mensch 
liche Religion gibt. 
Wir haben es hier mit dem christlichen Hause und der christlichen 
Schule zu thun. Das Objekt unserer Erziehung ist das getaufte, das 
Christenkind. Christliche Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder Christo 
zuzuführen. Dadurch ist ihnen die Grundlage, die dem Kinde in der 
Taufe zugeeignete Erlösungsgnade, dadurch ist ihnen das Ziel, die Heran 
bildung zu sittlicher Vollkommenheit nach dem Worte und Vorbilde 
Christi, dadurch sind ihnen auch die Mittel ihrer erzieherischen Einwir 
kung gewiesen. Das ganze häusliche Leben in der Mannigfaltigkeit seiner 
Beziehungen und Äußerungen soll vom Geiste Christi durchdrungen sein. 
Der Eltern Vorbild, ihr bald belehrendes, bald warnendes, bald strafendes 
Wort, die Bethätigung ihrer Frömmigkeit in Andacht und Gebet, die 
Zucht, der es sich unterstellt sieht, das alles sind Momente, in denen 
das christlich-sittliche Bildungs-Ideal in größerer oder geringerer Voll 
kommenheit dem Kinde verwirklicht vor Augen tritt, und unter deren 
Einfluß die ersten Keime sittlicher Bildung in seiner Seele sich entwickeln. 
Die Schule, in die es eintritt, muß auf diesem Grunde weiterbauen. 
Daß sie es thun werde, ist die Voraussetzung, unter welcher die Familie 
ihre teuersten Schätze ihr überliefert. Sie beginge einen Vertrauensbruch, 
wenn sie andere Ziele der Erziehung verfolgen wollte. Nur in bezug 
auf die intellektuelle Seite der Bildung steht sie über der Familie und 
tritt ganz an deren Stelle; sie übernimmt, was jene nicht vermag. Hin 
sichtlich der sittlichen Bildung dagegen tritt die Schule nur 
als Gehilfin dem Hause zur Seite und muß bei der Erziehung 
mit diesem Hand in Hand gehen. 
Täglich empfängt sie von ihm ihre Zöglinge und gibt sie ihm täg 
lich zurück. Die Gemeinschaft des Wirkens fordert Einigkeit der Grund 
sätze und des Handelns; wie sollte sonst bei dem Zögling ein Charakter 
sich herausbilden, der doch Einigkeit und Geschlossenheit des inneren Seins
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.