Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Kühl: Über das Zusammenwirken 
borgen bleiben, der beispielsweise nur den Unterschied zwischen evangelischer 
und katholischer Moral sich klar macht. Als Notstand mag die Simul 
tanschule mit Rücksicht auf die lokalen und Gemeinde-Verhältnisse hier 
und da getragen werden müssen, aber ein prinzipiell und all 
gemein durchgeführter konfessionsloser Unterricht wäre nur 
der erste Schritt zum religionslosen. 
Dieser christlich-religiöse Charakter der Erziehung muß auch in den 
Ordnungen der Schule zum Ausdruck kommen. Hat das Kind das Glück, 
einer Familie anzugehören, in der Gebet und Gottes Wort zum täglichen 
Brot gehören, so darf es in der Schule nicht den Eindruck gewinnen, 
daß Leben und Gedeihen auch ohne Gottes Segen und darum ohne Gebet 
und frommen Sinn erlangt und bewahrt werden könne. Fehlen aber, 
wie es ja leider oft genug der Fall ist, im Elternhause jene Bedingungen, 
ist es dann nicht um so mehr Pflicht der Schule, hier ergänzend ein 
zutreten? Schulandacht und Schulgebet sind uns mehr als 
eine gute Sitte, sie sind wesentliche und unentbehrliche 
Mittel zur Heranbildung einer christlich bestimmten Per 
sönlichkeit. 
Was endlich die Z u ch t betrifft, so hat auch hier Schule und Haus 
in gleichem Geist und Sinn zu wirken. Wir haben es hier wesentlich 
mit der beschränkenden Seite der Erziehung zu thun, sofern es ihre Auf 
gabe ist, die niederen Triebe und Regungen der Sinnlichkeit im Zögling 
niederzuhalten und sittliche Eigenschaften an deren Stelle zu pflanzen. Als 
Mittel dazu dient das teils verbietende, teils fordernde Gesetz. Es ist 
Pflicht der Schule wie des Hauses, diesem Gesetz Achtung zu verschaffen 
und, wo es verletzt worden, Genugthuung durch Bestrafung des Schuldigen. 
Das Strafrecht des Lehrers, als Stellvertreters der Eltern, invol 
viert zugleich die Strafpflicht. Und sie beschränkt sich nicht auf die 
Räume des Schulgebäudes. Auch was außerhalb der Schule und des 
Hauses geschieht, geht beide an. Ohne eine straffe Schulzucht ist die 
Erreichung des sittlichen Ideals eben so wenig möglich, wie bei Lässigkeit 
und Indifferenz von seiten des Hauses. Freilich muß hier wie dort 
neben dem strafenden Ernst die wohlwollende Liebe walten, die das Herz 
des Kindes gewinnt und Gegenliebe und Dankbarkeit hineinpflanzt. Mit 
ihr ist zugleich der kräftigste Trieb zu allem sittlichen Handeln gegeben, 
und je größer naturgemäß der Vorsprung ist, den in dieser Beziehung 
das Haus vor der Schule hat, um so mehr hat letztere Ursache, sich 
dieses wichtigste aller Erziehungsmittel nicht entgehen zu lassen.
	        

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