Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

von Schule und Haus bei der Erziehung. 
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darf, so viel wird ihr daran liegen müssen, für ihre Disziplin das Ver 
ständnis des Hauses zu gewinnen, ein Ziel das durch persönliche Be 
rührungen zwischen Eltern und Lehrern bei einigem guten Willen von 
beiden Seiten wohl zu erreichen sein dürfte. Diese Nötigung tritt nament 
lich in denjenigen Schulen, in denen keine Censuren erteilt werden, also 
in den meisten Volksschulen, besonders dringend hervor, wie ja hier in 
der Regel auch die socialen Verhältnisse Möglichkeit und Gelegenheit zu 
persönlicher Annäherung meist nahe legen. Überall aber bieten sittliche 
Vergehen der Zöglinge, für welche es der Schule an zweckentsprechenden 
Strafmitteln fehlt, dem Lehrer Veranlassung, die Mitwirkung des Hauses 
in Anspruch zu nehmen, und bei der rechten Weise der Behandlung dürfte 
der Lehrer selten Ursache haben, über Erfolglosigkeit seiner Bemühungen 
in dieser Richtung zu klagen. Im Gegenteil werden gerade Berührungen 
dieser Art, so unangenehm und peinlich zunächst die Veranlassungen sein 
mögen, in der Regel die Wirkung haben, Schule und Haus einander 
näher zu rücken, und darauf kommt doch für ein gedeihliches Zusammen 
wirken beider im letzten Grunde alles an. 
Darum muß d er Lehrer, wie er selbst keine Gelegenheit versäumen 
darf, soweit es möglich ist, persönliche Rücksprache über seine Schüler 
mit den Eltern derselben zu nehmen, auch für etwaige Klagen 
und Beschwerden, Nöte und Sorgen derselben ein offenes 
Ohr haben. Schroffheit und Härte entfremden, Freundlichkeit und 
Zugänglichkeit erwecken Vertrauen und Liebe. 
Über die Wichtigkeit der letzteren als Erziehungsmittel haben wir 
bereits oben gesprochen; über die Möglichkeit, sich desselben zu bemächtigen, 
hier nur wenige Worte. In jeder Schule und in jeder Klasse giebt es 
außer einzelnen begabten und fleißigen Schülern, denen des Lehrers 
Wohlwollen von selbst zufällt, einzelne schwache, untüchtige, unbegabte, 
auch wohl unliebenswürdige. Ihnen besondere Sorgfalt zuzuwenden, ist 
ja des Lehrer Pflicht; aber je williger und freudiger er sie übt, von 
christlichem Erbarmen getrieben, um so gewisser erwirbt er zugleich der 
Eltern Liebe und damit einen Bundesgenossen für seine Bemühungen, 
den keine Strenge ersetzen kann. Ebenso bieten Erkrankungen des Schülers 
oder der Glieder seiner Familie dem Lehrer Gelegenheit, seine Teilnahme 
dem Hause zu bezeugen, wie auf der andern Seite wichtige Vorkomm 
nisse im Schulleben, öffentliche Prüfungen und Schulfeiern, jenem Ver 
anlassung geben, sein Interesse an der Schule und ihrem Gedeihen an 
den Tag zu legen.
	        

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