Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

und die evangelische Pädagogik. 
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Gottesbegriffes absehen, wenn wir bedenken, daß das menschliche Denken, 
sobald es in solche Regionen gerät, nie seinen Gegenstand annähernd er 
reicht, und wenn wir vielleicht gerade von einem Herbartianer erwarten 
dürfen, daß er sich dessen bewußt ist, auch wo er es nicht besonders aus 
spricht, — wenn wir uns also über die Mängel jenes Gottesbegriffes 
noch allenfalls hinwegsetzen könnten, so können wir uns um so weniger 
über die Leugnung der transcendentalen Freiheit beruhigen, worüber 
Herr Glöckner sich doch so sehr befriedigt ausspricht. 
Allerdings begünstigt oder fordert der Mangel sittlicher (Wahl-) 
Freiheit für unsere erfahrungsmäßig vorhandene Gott abgewandte Rich 
tung das Bedürfnis einer göttlichen Hilfe, um uns zur Umkehr und 
Rückkehr zu Gott zu verhelfen. Aber wie erklärt sich denn diese Gott 
abgewandte Richtung selbst in ihrem Ursprünge oder ihrer Möglich 
keit ohne Annahme ursprünglicher Wahlfreiheit? Ist es schon befremd 
lich, wenn Gott sozusagen durch äußeren Reiz*), durch äußere Kausalität 
seine Kraft des Intellekts erst entwickelt, so ist es fast noch befremdlicher, 
wie der Mensch (Adam) in freier Wahl das Böse wählen konnte, — 
wenn er keine — wie wir doch annehmen: von Gott gegebene**) tran 
scendentale oder Wahlfreiheit hatte. Die Leugnung dieser Wahl 
freiheit schließt also eigentlich die Annahme des Sündenfalles aus; ohne 
letzteren ist auch die Erbsünde undenkbar; ohne Erbsünde, Erbgottlosigkeit 
oder Erbgottfeindlichkeit ist auch kein Bedürfnis der Erlösung und Ver 
söhnung zu verstehen, ohne eigenwillige Zerreißung des intimen Gottes 
verhältnisses wäre keine Wiederanknüpfung (reliAatio-reliZio) nötig — 
ohne Zerreißung des natürlichen, ursprünglichen, paradiesischen Bandes 
wäre der alte Bund mit Noah und Abraham, sowie der neue Bund 
durch Jesu Blut — ohne Degeneration wäre eine Regeneration undenk 
bar gewesen. 
Leugne ich also die transcendentale Freiheit, leugne ich den gött 
lichen Vorzug der Menschen: das paradiesische posse peccare und posse 
non peccare, behaupte ich somit indirekt die theoretische Unmöglichkeit 
*) Gewissermaßen könnte man sagen: auch Gott habe hier keine transcen 
dentale Freiheit. Dies hängt wohl mit dem starren, mechanischen Begriff der 
Herbartischen Monaden zusammen und mit der Vorstellung von der Kraft, 
welche erst durch Berührung verschiedener Realen unter einander ent 
stehen soll. 
**) Jes. 57, 10.
	        

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