Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

und die evangelische Pädagogik. 
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selbst dann nicht, wenn sie nach dem Muster der geoffenbarten Wahr 
heiten arbeitet, mag sie nun unter der Firma der Philosophie-, Theo 
sophie oder auch als Theophilosophie, der neuesten Erfindung eines 
emeritierten Pastors, auftreten — und, wenn sie verspricht, in ihrer 
Eigenschaft als Wissenschaft, wenn auch als „umgekehrte" oder „bekehrte" 
Wissenschaft, etwas dem Glauben Konformes zu liefern: so verspricht sie 
mehr, als sie leisten kann; denn Fleisch und Blut als solche können das 
Reich Gottes nicht erwerben. 
Nehmen wir aber einmal an, es ließe sich in der That im Laufe 
dieser Weltentwickelung eine christliche Philosophie konstruieren — jeden 
falls können die, welche dafür plaidieren, sich weder auf die heil. Schrift 
noch auf Luther oder gar Hamann berufen. Zunächst ist Hebräer 11, 1 
entschieden dagegen: der Glaube soll ja etwas nicht zu Beweisendes sein. 
Wird der Glaube, der ja doch eigentlich in erster Linie ein persön 
liches Vertrauensverhältnis des einzelnen Menschen zu Gott ist und erst 
in zweiter oder dritter Instanz eine Lehre, wesentlich als eine 
Summe von Lehrsätzen genommen, und gelingt es, den Inhalt des 
Glaubenssystems mit den „gesicherten Resultaten" der größten Welt 
weisen in Einklang zu bringen, gelingt es wirklich, den „Glauben" zu 
objektiver Gewißheit und dialektischer Evidenz zu bringen, so ist Hebr. 11,1 
überflüssig. — Die Ritter des Glaubens, welche mutvoll in das unbekannte 
Land sich hineinwagen auf Glauben, wie Abraham in das Land, das 
„Gott ihm erst zeigen will" — wie Noah, der sich auf Gottes Geheiß 
der Arche und dem endlosen ungewissen Weltmeere der Sündflut an 
vertraut: — diese Helden des Glaubens, sie würden vielleicht jetzt in 
Verlegenheit geraten, was sie mit ihrem persönlichen, subjektiven 
„Glauben" anfangen sollten; denn statt des letzteren bietet sich in 
dem christlichen Staate eine objektive Glaubenswissenschaft dar: 
Theologie und christliche Philosophie — und, statt wie früher ein 
unbekanntes unsicheres Land zu passieren, zieht der Glaubensheld jetzt 
nach Anweisung der theologischen und christlich-philosophischen General- 
stabs- und Seekarten mit Bewußtsein und in Sicherheit seine Straßen 
zu Wasser und zu Lande. 
Ob Luthers Begriffe sich mit denen eines Stahl und seiner An 
hänger über „christlichen Staat" und „christliche Ehe" so ohne weiteres 
decken, daß man Stahl einen „schroffen Lutheraner" nennen kann, will 
ich hier weiter nicht erörtern. Mir ist wenigstens kein Ausspruch von 
Luther bekannt, der als Aufmunterung dienen könnte zur Gründung einer
	        

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