Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Christliche Gedanken über Herbart 
christlichen Philosophie. Galt ihm doch die Vernunft als unberufene 
Pfuscherei in geistlichen Dingen für eine Hure. 
Und nun gar Hamann! Fast komisch berührt es, wenn er als Ge 
sinnungsgenosse von Stahl herhalten soll. Sagt er nicht im Gegenteil: 
„Ist die Vernunft uns gegeben, uns weise zu machen? ebensowenig als 
das Gesetz den Juden, sie gerecht zu machen — sondern uns zu über 
führen von dem Gegenteil, wie unvernünftig unsere Vernunft oft ist, und 
daß unsere Irrtümer durch sie zunehmen sollen, wie die Sünde durch 
das Gesetz zunahm. Man setze allenthalben, wo Paulus von Gesetz 
redet, die Vernunft, so wird Paulus mit unseren Zeitgenossen reden." 
Ehe ich von Hamann scheide, führe ich die Inschrift hier an, welche 
die Besucher des Überwasserkirchhofes zu Münster auf seinem Grabdenk 
mal finden: Judaeis quidem Scandalum, Graecis stnltitiam etc. 
(1. Kor. 1, 23, 27). Dies war, wenn ich Hamann recht verstehe, der 
Nerv seines Lebens, der „Markknochen" seiner Autorschaft, daß er sich 
an den verachteten König der Juden hielt: an den Felsen, welcher 
der sittlichen Energie der Juden und der Denkkraft der 
Griechen ein Ärgernis war und noch ist. Das Wesen des christ 
lichen Glaubens fand er einerseits freilich in der Erfüllung dessen, wonach 
Juden und Griechen sich vergeblich gesehnt hatten, anderseits aber in einem 
(sthischen und intellektuellen) Ärgernis gegenüber Gerechtigkeit und Weis 
heit der Welt; sein Trost war nicht der Beifall der Welt, nicht die Har 
monie mit der Welt, sondern daß er nach dem Worte des Herrn: „in der 
Welt habt ihr Angst, aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden" 
— daß er nach diesem Worte den Gegensatz seines Innern zu dem 
Wesen dieser Welt angstvoll fühlte, dies war ihm ein Trost und ein 
Erkennungszeichen seiner Jüngerschaft bei dem Hirten der Welt. 
Sehr verschieden von Hamann — trotz mancher Ähnlichkeiten — 
verhält sich einer, den ich in gewissem Sinne einen Vorgänger Stahls 
und seiner christlichen Staatsidee nennen darf: der katholische Philosoph 
Franz von Baader, der „geistige Vater" der „heiligen 
Allianz." Dieser christliche Philosoph (in seinen Spekulationen fußend 
auf der Theosophie Jakob Böhmes) ging darauf aus: „den Zwiespalt, 
welchen die sogenannte Reformation zwischen dem religiösen Glauben 
und dem Wissen fixiert habe, durch Wiederherstellung des alten 
normalen Verhältnisses beider zu heben." Jener Zwiespalt sei 
verwandt mit dem zwischen Glauben und Wirken. Das vom Glauben 
entblößte Wirken sei nicht das rechte Wirken; so sollen auch Wissen
	        

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