Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

und die evangelische Pädagogik. 
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und Glauben vermählt und dadurch die glaubensscheuen Rationalisten 
und die wissensscheuen Gläubigen aus der Welt geschafft werden*). 
Bekanntlich wurde Schelling in der letzten, dem Christentume zuge 
neigten Phase seines Philosophierens durch Baaders und Böhmes Theo 
sophie stark beeinflußt, und ähnlich seinem katholischen Kollegen Baader 
und dabei anknüpfend an Lessings Gedanken: „die Ausbildung geoffenbarter 
Wahrheiten in Vernunftwahrheiten sei schlechterdings notwendig, wenn 
dem menschlichen Geschlechte damit geholfen werden solle", strebte er 
danach, eine christliche Wissenschaft (Gnosis) zu gründen: „Die deutsche 
Nation strebt in ihrem ganzen Wesen nach Religion, aber ihrer Eigen 
tümlichkeit gemäß nach Religion, die mit Erkenntnis verbunden und auf 
Wissenschaft gegründet ist." 
Schellings Parole von der christlichen Wissenschaft wurde von Stahl 
adoptiert und in vorsichtigerer Weise sowie in etwas modifizierter Form 
angewandt. Wollte Schelling „Religion mit Erkenntnis verbunden und 
auf Wissenschaft gegründet", so wollte Stahl, wenn ich recht sehe, 
„Wissenschaft mit Religion verbunden und (probeweise) auf Offenbarung 
gegründet." Dabei hoffte er auf (prinzipielle) Einheit der beiden 
„Wissenschaften" Theologie und Philosophie sowie Einheit der beiden 
Gemeinschaftsformen Staat und Kirche. Staat und Kirche sollten zwei 
(religiös) gleichberechtigte, nicht allein göttliche, sondern auch christliche 
Ordnungen sein. Nahm die römische Kirche das Weltliche und Staat 
liche als das Ihrige in Beschlag, sollten dort die Kirche und die Staaten 
in gleicher Weise kirchlich verpflichtet sein, so sollten hier der Staat 
sowohl wie die Kirche(n) in gleicher Weise christlich verpflichtet werden 
und der (massenhaft) fromme christliche Staat sollte sich in monarchisch- 
summepiskopalem System der christlichen Kirche annehmen. 
Eine solche Einheit von Wissenschaft und Glauben, Staat und 
Kirche ist aber eine illusorische Vorausnahme der Ewigkeitsvollendung. 
Hüten wir uns aber, daß wir nicht die Bestrebungen der Herbartianer, 
denen wir (mit Recht oder Unrecht) Rationalismus und Dualismus 
(Deismus) vorwerfen, mit einem andern Rationalismus und einem 
unevangelischen Monismus bekämpfen, den wir weder von Jesus oder 
Paulus oder Luther gelernt haben. Seien wir vielmehr, eingedenk des 
400jährigen Luthergeburtstags, darauf bedacht: jeden Kampf, den wir 
*) Also ganz im Sinne der katholischen Kirche: wie Werke und Glauben 
einander parallel, so sollen auch Wissen und Glauben einander parallel gehen.
	        

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