Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

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Christliche Gedanken über Herbart 
im Namen des Evangeliums führen, auch thatsächlich mit der persönlich 
vertretenen Subjektivität des Glaubens durchzukämpfen, welchen das 
Evangelium und dessen lautere Verkünder uns lehren, und nicht mit 
einem Wechselbalge der Philosophie oder Moral des natürlichen Menschen 
unter christlichem Titel. 
Nachschrift. 
Und nun gestatten Sie mir ein Schlußwort. — Es ist mir immer 
mehr zur Überzeugung geworden, daß in unserer „wissenschaftlichen" 
Zeit der Glaube der Christenheit mehr oder minder daran krankt, daß 
das Christentum fast durchweg als ästhetischer, intellektualistischer oder 
ethischer Rationalismus aufgefaßt und dargestellt wird. Sowie der 
Grundzug der Kirche zu Luthers Zeit jüdische Werkgerechtigkeit und 
ethischer Pelagianismus war, so finden wir jetzt als durchgehenden 
Grundzug einen Pelagianismus oder Semipelagianismus des Intellekts. 
Mögen wir uns hinwenden zu den Kreisen einer mit Absicht und Be 
wußtsein raüonalisierenden Theologie oder zu den Theosophen und Offen 
barungsphilosophen, oder nehmen wir ein oder zwei orthodoxe Zeit 
schriften: eine der besten apologetischen Zeitschriften nennt sich selbst: 
Beweis des Glaubens — nach Hebräer 11, 1 eine contradictio in 
adjecto. In einer andern orthodoxen Zeitschrift findet man die Meinung: 
es gebe einen stringenten Beweis für das Dasein Gottes. Wir stehen 
also, ehe wir es uns versehen, auf dem Standpunkte der naiven Scholastik 
und des Anselmischen Bestrebens: „rationabili necessitate intellegere: 
esse operiere omnia illa, quae nobis fides catbolica de Christo 
credere praecipit.“ 
* * 
♦ 
Als ich vor einigen Tagen in unserem Evangelischen Monatsblatte, 
Jahrgang 1883, S. 431 und 432, den dort citierten Passus von Stahl 
über die christliche Philosophie zu Gesichte bekam, mit der Bemerkung 
eines: „dagegen lasse sich wohl kaum eüvas einwenden", und als ich 
ebendort las: Stahl statuiere Einheit der beiden „Wissenschaften" 
der Theologie und Philosophie, wenn sich der Inhalt der 
christlichen Offenbarung, als Hypothese in der Philosophie ange 
nommen, in derselben durch Prüfung als richtig erweise und dann 
gewußt werden könne, wie dies auf dem Gebiete der Moral bereits 
geglückt sei: die Philosophie soll zwar die wahre Weltanschauung aus 
sich selbst nicht haben finden können, aber, nachdem die letztere einmal 
gegeben sei durch das Christentum, nehme die Philosophie den Offen
	        

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