Full text: Evangelisches Monatsblatt für die deutsche Schule - 3.1883 (3)

über die dortigen Schulverhältnisse. 
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Schüler der oberen Klassen zum ernsten Nachdenken auch über religiöse 
Fragen angeregt werden: aber nun stelle man sich einmal die Kritik 
vor, welche ein Religionslehrer (und wir haben deren leider genug. Res.) 
zu Tage fördert, dem selbst jedes sichere positive Fundament des Glaubens 
fehlt. Sicherlich ist doch der Hauptzweck des Religionsunterrichts auch 
an den Gymnasien kein anderer, als der, die Schüler in echt evange 
lischem Geiste in das Verständnis der heiligen Schrift einzuführen, wobei 
man die Kritik jedenfalls am besten dem späteren Leben überläßt. An 
gesichts solcher Vorkommnisse ist und bleibt es für uns freilich nur auf 
das tiefste zu beklagen, daß die Behörden*) bei der Anstellung der 
Religionslehrer an den höheren Schulen nur nach der facultas docendi 
und nicht auch nach der Stellung der Herren zur heiligen Schrift wie 
zum Bekenntnis der Kirche fragen. 
Doch, verlassen wir das Gebiet des Religionsunterrichtes, um uns 
anderen Disziplinen zuzuwenden. Da passiert es z. B-, daß die zweite 
Gesangsklasse eines hiesigen Gymnasiums schon seit einem Jahre aus 
schließlich Volkslieder und keinen einzigen Choral singt, während in der 
ersten Gesangsklasse derselben Anstalt keine anderen geistlichen Lieder als 
nur vierstimmige Motetten und dergleichen geübt werden. Daß es nun 
einen Gesanglehrer giebt, der sogar die hohen Feste unserer evangelischen 
Kirche an sich vorübergehen lassen kann, ohne seine Schüler auch nur 
ein einziges Mal in den Reichtum unseres evangelischen Choralgesanges 
einzuführen, ist gewiß auf das tiefste bedauernswert; noch mehr beklagen 
aber muß man, daß wir an unseren Gymnasien Direktoren**) haben, 
die solche Mißstände ruhig bestehen lassen. Wenn es vorkommen 
soll, daß Direktoren höherer Lehranstalten so wenig allgemeine klassische 
Bildung besitzen, daß sie nicht im stände sind, ihre Lehrer in den 
Hauptdisziplinen des Unterrichts kontrollieren zu können, so ist das 
schlimm: für den Gesangunterricht jedoch wollen wir den Herren sehr 
gern eingehendere Spezialkenntnisse erlassen, aber das müssen wir jeden 
falls verlangen, daß sie ihre Gesanglehrer anhalten, mit den Schülern 
zu treiben, was die Kirche und die christliche Sitte fordern. 
Der Redner, welcher seit dem Jahre 1862 als Lehrer in Berlin 
thätig ist; seit dem Jahre 1867 zudem auch als Gemeindelehrer im 
Dienste der Kommune steht und als solcher vollauf Gelegenheit gehabt 
*) Ob wohl wirklich alle? Ich hoffe, es steht so schlimm nicht. In Pom 
mern ist es jedenfalls besser. Kolbe. 
**) Hoffentlich nicht durchweg. Die Red.
	        

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