Full text: Rheinischer Schulmann - 2.1884 (2)

1. 
Die neueste französische Volksschule im Lichte der Weltausstel 
lung zu Amsterdam, ein Spiegelbild. 
Von Seminardirektor Schulze in Rheydt. 
(Fortsetzung). 
III. 
Beim Umwandeln des Ausstellungs 
tisches, der dem Schulwesen des Nord 
departements gewidmet ist, fällt uns 
ein Bild auf. Wir können es sehr 
bequem beschauen, da es gut hängt. 
Es stellt einen Knaben vor von etwa 
12 Jahren. Er ist vollständig militä 
risch bekleidet:' geschmackvolle graublaue 
Uniform, das Gewehr auf der Schul 
ter, das Käppi auf dem Kopfe. Re 
spekt vor dem Burschen! Er ist ein 
hoffnungsvoller Revancheur, der uns 
und aller Welt, die noch nicht recht 
daran glauben will, beweisen möchte, 
daß in Bälde das, wie sie sagen, in 
dem abscheulichen Kriege nur durch 
bloße Verräterei abgenommene Elsaß- 
Lothringen wieder erobert ist. Er 
ist ein Vertreter der lächerlich ge 
fährlichen Schulbataillone. Mit dem 
Turnen ists nämlich den Franzosen 
nicht genug; auch nicht mit den tur 
nerischen Ausgängen, die für die Volks 
schulen in ähnlicher Weise angeordnet 
sind, wie bei uns für die höheren An 
stalten, nur daß nicht nur die Gesund 
heit, Frische und Kraft des Leibes, 
sondern auch die Belehrung an den 
Gegenständen der Natur, der Industrie 
und an den geschichtlichen Denkmalen 
erzielt werden soll. Die Stunde der 
Vergeltung naht, das soll auch die 
Jugend wissen; dafür soll sie sich ent 
flammen, und nun treibt man die al 
berne Spielerei, die schwachen Kinder 
recht eigentlich wie Soldaten einzuüben 
— in Wahrheit aber zu Soldaten zu 
verbilden, ihre Eitelkeit zu erhitzen und 
sie an Phantasterei zu gewöhnen. Alle 
Achtung vor einem Volke, das sich er 
mannt und seine Jugend ertüchtigt zur 
schneidigen That. Wir Preußen und 
Deutschen wissen auch wohl etwas da 
von zu sagen seit den Freiheitskriegen 
her und aus den Kämpfen unserer 
Jahre. Aber damals trieb uns nicht 
ehrgeizige Rache, sondern der Schutz 
des Heiligsten, und nicht in polternden 
Drohungen und thörichten Erhitzungen, 
sondern in tiefer Demut und mit hei 
ligem Ernst haben wir uns gerüstet, — 
unsere Knaben aber Kinder sein lassen, 
bis sie Männer würden. 
Wie sehr der politische, genauer der 
Revanche - Gedanke die gegenwärtige 
französische Volksschule beherrscht, dafür 
nur noch zwei Beispiele. Wir wählen 
aus den vielen Kursusheften, die aus 
gelegt sind, eins heraus, das mir zu 
fällig in die Finger siel. Es gehört 
einem Hugo Lecoustre, Schüler der 
Oberstufe in der Annexschule des Nor 
malinstituts zu Douai (Zögling der 
Übungsschule des Seminars). Der 
etwa Zwölfjährige hat als Aufsatzthema 
die Beantwortung von 3 Fragen er 
halten: 1. Wann ist ein Land voll 
ständig erobert? 2. Hat Julius Cäsar 
Gallien vollständig erobert? 3. Wie 
war die Einrichtung Galliens unter 
Julius Cäsar? Der Bursche hat unter 
Nro. 1 niedergeschrieben, und gewiß 
nicht ohne Beeinflussung seines Erzie 
hers: „Ein Land ist dann vollständig 
erobert, wenn es die Sprache, die 
Gesetze und die Sitten des Eroberers 
angenommen hat. Also ist Elsaß- 
Lothringen nicht vollständig erobert." 
Der Lehrer hat die Arbeit censiert: 
„Ihre Arbeit ist gut, besonders in dem 
ersten Teile." Ich habe das Franzö 
sische wörtlich übersetzt und erinnere 
hierbei nur, daß jetzt wieder, wie schon 
früher, die Reichslande, als zu Frank 
reich gehörig,"aber..ihm jetzt entrissen, 
trauerschwarz auf den Schulkarten un 
seres Nachbarvolkes gezeichnet sind. 
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