Full text: Rheinischer Schulmann - 2.1884 (2)

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Das Mellesen in den Volksschulen. 
Bon K. Strack, vr. th., Dekan und Pfarrer zu Langgöns. 
(Schluß). 
Aber sprechen denn alle diese That 
sachen nicht zu Gunsten eines Bibel 
auszugs oder zu Gunsten einer Schul 
bibel, wie deren schon zu Niemeyers 
Zeiten einige vorhanden waren und 
neuerdings von Rudolf Ho ff mann 
(Berlin 1877) und Lahrssen (Alten 
burg 1884) erschienen sind? Wir er 
lauben uns hierüber eine Stelle von 
Weidemann, Schmid's Päoagogische 
Encyklopädie I. 634, anzuführen, in 
dem wir uns völlig damit einverstan 
den erklären: „Geachtete Schulmänner, 
wieWilmsen, Zerrenner, Stern, 
Natorp, Jul. Kell und in neuester 
Zeit T h u d i ch u m, haben sich nut 
Wärme für Bibelauszüge ausgespro 
chen und mehrere der Genannten haben 
dergleichen für die Schulen veranstaltet; 
andere, z. B. Niemeyer, Denzel, 
erkärten dieselben wenigstens zulässig 
und unter Umständen für wünschens 
wert, während Di nt er und die meisten 
neueren Pädagogen entschiedenen Pro 
test gegen die Einführung von Schul 
bibeln einlegen. Uns scheint schon eine 
Verordnung des Königlich preußischen 
Ministeriums des Inneren an die Re 
gierung zu Breslau vom 18. November 
1814 das Richtige zu enthalten. Die 
genannte Behörde erblickt nicht blos 
in der Entfernung der Bibel überhaupt, 
sondern ^ auch in dem Gebrauch der 
Bibelau'szüge in den Volksschulen eine 
wahre Gefahr und spricht sich darüber 
folgendermaßen aus: „Unbekanntschaft 
mit der Bibel führt Gleichgültigkeit 
gegen dieselbe herbei, und diese ist mit 
Schuld an dem Versiegen ächt-christ 
licher Religiösität, welche aus dieser 
Quelle floß, die wir in den letzten 
Jahrhunderten so sehr verschwunden 
sahen. Der Gebrauch der Bibelauszüge 
fördert aber diese Unbekanntschaften 
eben so sehr, als die Entfernung der 
Bibel überhaupt aus denselben. Er 
begünstigt den so nahe liegenden Wahn, 
als ob man an dem in den Auszügen 
enthaltenen das Wesentliche habe, und 
das Übrige außer dem vermeinten Kern 
von geringem Werte sei. Er erschwert 
das tiefe Eingehen in den Geist, der 
in der ganzen heiligen Schrift weht, 
und in die Grundansichten, welche durch 
dieselben hindurch herrschen, worauf 
es für den Glauben, wie für die Ge 
mütsbildung der Christen mehr an 
kommt, als auf das Verstehen einzelner 
abgerissener Stellen. Indem er die 
ganze Bibel der Jugend schon aus den 
Händen und aus den Augen rückt, wirkt 
er der Vertrautheit, dem alltäglichen 
inneren Umgänge mit derselben ent 
gegen, der ehedem in den Familien 
stattfand, und wodurch sie der Quell 
so großen Segens für Einzelne, wie 
für das Ganze war und wieder werden 
kann. Wer endlich bedenkt, wie sehr 
es in der Hand derer, welche Bibelaus 
züge verfertigen ließen, liegt, dem Volke 
darin zu geben, was sie wollen, der 
wird nicht ohne die größte Besorgnis, 
es möchte der ächte und vollständige 
Grund der christlichen Heilswahrheiten 
dem Volke abhanden kommen, wahr 
genommen haben, wie dieselben in 
vielen Schulen an die Stelle der Bibel 
selbst getreten sind." — Die preußische 
Behörde will nicht, daß so die Bibel 
zu Buchstabier- und Leseübungen ge 
mißbraucht werde, auch nicht, daß die 
Jugend beim Religionsunterrichte gleich 
die ganze Bibel von Anfang bis Ende 
lesen solle; wohl aber soll den Lehrern 
zuerst in den Seminarien und nachher 
fortgesetzt durch die Geistlichen zu einer 
zweckmäßigen Behandlung derselben 
Anleitung erteilt werden u. s. w. Die 
> Verordnung schließt mit der Bestim- 
l mung, daß überall in den protestan- 
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