Full text: Rheinischer Schulmann - 2.1884 (2)

1. 
Die Apperception und ihre Bedeutung für den Unterricht*). 
Von H. Redeker, Lehrer in Eppinghofen bei Mühlheim a./d. R. 
I. Begriff der Apperception. 
II. Bedeutung für das See 
lenleben: 
a) des einzelnen, 
b) ganzer Völker. 
III. Anwendung auf den Un 
terricht: 
a) Wie kann der Lehrer dafür 
sorgen, daß sich der Apper- 
ceptionsprozeß in den Schülern 
lebhaft und in richtiger Weise 
vollziehe. 
b) Wie kann der Lehrer dafür 
sorgen, daß die Schüler un 
richtige Vorstellungen nach 
träglich richtig a p p e r c i- 
pieren. 
Wenn der Mensch geboren ist, be 
darf er der Nahrung, nicht allein der 
leiblichen, sondern auch der geistigen. 
Die allein richtige Nahrung für den 
Leib des neugeborenen Kindes ist die 
Muttermilch, die Muttermilch für die 
Seele find die Sinnesreize. „Mit 
tausend Reizen stürmt die Natur auf 
die Sinne des neuen Weltbürgers ein. 
Sie sendet die Strahlen des Lichts, 
damit ihm diese die Augen öffnen für 
die unzähligen Dinge der Außenwelt, 
sie klopft im Ton-, im Tast- und 
Temperaturreize und all den anderen 
Erregungen der sensitiven Nerven an 
die Pforte des Menschengeistes und 
begehrt Einlaß." Der Leib bildet 
aus den zugeführten Nahrungsmitteln 
Fleisch und Blut, Knochen, Nerven 
und andere Körperteile. Die Seele 
bildet aus den Sinnesreizen Empfin 
dungen und Wahrnehmungen und im 
weiteren Verlaufe Vorstellungen, Be 
griffe, Urteile u. s. w. Wie aber alles, 
was der Leib aufnimmt, einer Ver 
änderung unterzogen wird, ehe es in 
Fleisch und Blut übergeht, so müssen 
sich auch die neuen Wahrnehmungen 
und Vorstellungen der Seele anpassen, 
wenn sie zum Wachstum derselben 
beitragen sollen. In Bezug auf den 
Leib nennt man den in Rede stehenden 
Prozeß Angleichung, Assimilation, den 
geistigen Prozeß nennt man Apper 
ception. 
Suchen wir uns nun an der Bürg 
schaft von Schiller des Näheren klar 
zu machen, um was es sich bei der 
Apperception handelt. — Die Absicht 
des Möros, den Alleinherrscher von 
Syrakus zu ermorden, ist vereitelt. 
Er ist durch Häscher aufgegriffen, vor 
den König geschleppt und von diesem 
zum Kreuzestode verurteilt. Da bittet 
Möros den König, die Hinrichtung drei 
Tage zu verschieben, damit er der 
Hochzeit seiner Schwester beiwohnen 
könne, sein Freund würde als Bürge 
im Kerker bleiben, bis er zurückgekehrt sei. 
Soll der Vorschlag des Möros zur 
Wahrheit werden, so muß zwischen 
ihm und seinem Freunde wahre Freund 
schaft bestehen, die auch in der Not 
vorhält, denn sonst wird jener nicht in 
den Kerker gehen, oder dieser die drei 
Tage Frist zur Flucht benutzen und 
nicht zurückehren. Der Vorschlag be 
ruht also auf der Voraussetzung wahrer 
Freundschaft. 
Der König glaubt aber nicht an 
wahre Freundschaft. Er hält auf 
Grund seiner Lebenserfahrung alle 
Menschen für Egoisten, die nur an 
ihren eigenen Vorteil denken, mögen 
auch andere darüber zu Grunde gehen, 
und faßt demgemäß den Vorschlag des 
Möros nicht als ehrlich auf, sondern 
als eine List, um sich dem Tode zu 
entziehen. Der Dichter hat dies an 
gedeutet in den Worten: „Da lächelt 
der König mit arger List." 
Wir haben in der angeführten Si 
tuation zu beachten: 
1. Ein Neues, das an den König 
herantritt, die Bitte des Möros, welche 
) Vgl. Dr. Karl Lange, über Apperception. 
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