Full text: Rheinischer Schulmann - 2.1884 (2)

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I. 
Die Apperrcption und ihre Bedeutung für den Unterricht. 
Von H. Rede!er, Lehrer in Eppinghofen bei Mühlheim a./d. R. 
(Schluß.) 
Er wird diese Kenntnis weniger er 
langen aus pädagogischen Büchern als 
durch fortgesetztes, genaues Beobachten 
der Kinder, nicht allein in den wenigen 
Unterrichtsstunden, sondern auch auf dem 
Spielplätze, bei festlichen Gelgenheiten 
u. s. w., besonders aber durch liebevol 
les Hinablassen zu den Kindern; denn 
nur einem Lehrer, der teilnimmt an 
den Freuden und Leiden seiner Schü 
ler, erschließen sich auch die tieferen 
Falten des kindlichen Herzens, die dem 
ewig verborgen bleiben, der kalt und 
teilnahmlos an dem vorübergeht, was 
des Kindes höchstes Interesse erregt. 
Etwas ermunternd in dem schweren 
Studium ist es, daß gewisse Grund 
anschauungen, gewisse Vorstellungen, 
trotz der sonstigen großen Verschieden 
heit, dennoch bei allen Kindern zu fin 
den sind. Hier kann und muß der 
Lehrer seinen Unterricht einsetzen und 
von hier aus die Vorstellungen des 
Kindes ergänzend und klärend weiter 
führen. Es beschränken sich die Vor 
stellungen eines sechsjährigen Kindes 
meistens auf die Familie und auf die 
engere Heimat. Die. klarsten Vorstel 
lungen hat es von dem, was es im 
Hause zu beobachten Gelegenheit hatte, 
besonders von Vater und Mutter, 
Geschwistern und Großeltern und deren 
Verhalten zu ihm. Darum muß der 
Unterricht ausgehen von der Familie 
und allmählich die Heimat in den Kreis 
seiner Betrachtung ziehen, dann, aber 
auch nur dann darf er auf appercipie- 
rende Vorstellungen in der Seele des 
Kindes rechnen. — Zu demselben Re 
sultate würden wir gelangt sein, wenn 
wir gefragt hätten, welche Vorstellun 
gen bedarf der spätere Unterricht als 
Apperceptionshilfen? Nehmen wir ei 
nige Gegenstände heraus, um daran 
den Nachweis zu führen. Durch die 
biblische Geschichte zieht sich, wie ein 
lieblicher Faden, die Liebe Gottes zur 
Menschheit hindurch. Wie kann aber 
das Kind eine Vorstellung von der 
Liebe Gottes zur Menschheit bekommen, 
wenn es nicht die Liebe der Eltern 
zu ihren Kindern hat kennen gelernt. 
Diese kommt ihm so recht zum Be 
wußtsein, wenn es unter Anleitung 
des Lehrers findet, was die Eltern 
alles für das Kind thun, wie sie für 
Nahrung, Kleidung und Wohnung sor 
gen, wie sie es pflegen und bei ihm 
wachen, wenn es krank ist u. s. w. 
„Wie das Kind, wenn es ihm gelingt, 
sich zu vertiefen in vergangene Zeiten 
und historische Personen und Zustände 
deutlich vorzustellen, oder im Geiste zu 
reisen in fremden Ländern, in Wirk 
lichkeit doch wandelt auf heimatlichem 
Boden und mit heimatlichen Vorstel 
lungen und Anschauungen operiert," 
dafür nur ein paar Beispiele. Jung 
Stilling erzählt von seiner Heimat: 
„Da war eine egyptische Wüste, in 
welcher ich einen Strauch zur Höhle 
umbildete, in welcher ich mich verbarg 
und den heiligen Antonius vorstellte, 
betete auch wohl in diesem Enthusias 
mus recht herzlich. In einer andern 
Gegend war der Baum der Melusine; 
dort war die Türkei, wo der Sultan 
und seine Tochter, die schöne Marce- 
billa, wohnten." Am ausführlichsten 
schildert diese kindliche Apperception 
vr. Karl Lange, er erzählt von sich: 
„Wenn in der Schule von der Welt 
schöpfung erzählt wurde, so stellte sich 
der Kindesgeist das Chaos als Über 
schwemmung vor und zwar an einem 
Orte, der von der Saale öfters über 
flutet wurde und in dessen Mitte sich 
ein von düsteren Linden umgebener Teich 
befand. Die des Morgens und Abends 
aufsteigenden Nebel waren der Geist 
Gottes, der auf dem Wasser schwebte. 
Am schilfigen Ufer der Saale wurde
	        

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