Full text: Rheinischer Schulmann - 2.1884 (2)

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Stellung und Bedeutung der Volksschule im Kulturleben 
der Gegrnuiart. 
Vortrag, gehalten auf der Lehrerkonferenz im Seminar zu Ottweiler am 18. August 1884 
von A. Hackenberg, Pfarrer und Lokalschulinspektor in Hottenbach. 
M. H. Sind's nicht allzubekannte 
Pfade, auf die mein Wort Sie führen 
will? Sind's nicht ausgefahrene Ge 
leise, in die ich einlenke? Mehr denn 
ein Jahrzehnt nach Erlaß des Schul 
aufsichts-Gesetzes noch die Stellung der 
Volksschule innerhalb des staatlichen und 
gesellschaftlichen Organismus fixieren 
zu wollen, und nachdem längst des 
Reiches Kanzler, Europas genialster und 
sieggewaltiger Staatsmann, die Schul 
meister zu „seinen getreuen Gehülfen" 
erklärt, noch die Frage nach der Be 
deutung der Volksschule im gegen 
wärtigen Kulturleben auszuwerfen, —» 
Sie fragen wohl verwundert: „Wer 
reitet so spät durch Nacht und Wind?" 
Ein Wort zur Verständigung! Einer 
eben so freundlichen als dringenden 
Einladung folgend, konnte ich von vorne 
herein nicht Absicht und Anmaßung 
hegen, Ihnen wunders was Neues 
sagen oder etliche pädagogische Fünd- 
lein mit der Prätension des Reformers 
auf den Markt bringen zu wollen. 
„Alles Gescheidte ist schon gedacht wor 
den," bekennt der, der den „Faust" 
dichtete; dann aber ganz gewiß auch 
das weniger Gescheidte. Aber wenn 
Goethe darauf fortfährt: „man muß 
nur versuchen, es noch einmal zu 
denken," so ist damit das Recht und 
die Bedeutung der Reproduktion auf 
dem Gebiete des geistigen Lebens sicher 
gestellt, und so darf auch wohl in diesem 
nicht nur tintenklecksenden, sondern auch 
vortraghaltenden Säculum die Daseins 
berechtigung einer ganzen Reihe päda 
gogischer Elaborate nicht abgesprochen 
werden, die als Titelbild das Antlitz 
des Rabbi Ben Akiba tragen mit dessen 
faksimiliertem Motto: „Alles schon da 
gewesen !" — Aber noch mehr! Leben 
ist Entwicklung; und die Entwicklung 
der geistigen Lebensmächte ist durchweg 
eine so unmerklich und allmählich fort 
schreitende, daß es Not thut, denselben 
Gegenstand von Zeit zu Zeit wieder 
vor das Forum der Untersuchung zu 
ziehen, wenn sein Wesen und seine 
Bedeutung seiner fortschreitenden Ent 
wicklung gemäß erkannt und begriffen 
werden soll. Und das gilt in ganz 
hervorragendem Maße von unserer 
Volksschule, deren Stellung eine ge 
schichtlich gewordene und immer noch 
werdende ist, deren Bedeutung zu den 
verschiedenen Zeiten eine verschiedene, 
will's Gott mit der Zeit eine immer 
größere wird. Daß die richtige Wür 
digung der jeweiligen Stellung und 
Bedeutung der Volksschule von jedem 
gefordert werden muß, der in ihr und 
an ihr mit Verständnis und Erfolg 
wirken will, bedarf keines Beweises. 
Dazu möchte denn mein Wort Ihnen 
bescheidene Handreichung thun. Und 
erscheint auf den ersten Blick der Ge 
genstand unserer Verhandlung wie eine 
abgethane Sache, über die eine eigent 
liche Kontroverse nicht mehr bestehe, so 
wird die Verhandlung selbst vielmehr 
ergeben, daß wir uns hier auf Gebiete 
begeben, auf denen der Kampf gar 
verschiedener, oft schnurstracks einander 
entgegengesetzter Ansichten ununterbro 
chen fortgeht. Was thut's? Wo Kampf 
ist, da ist Leben! 
M. H. Wir haben ein Recht, die 
Volksschule in lebendigste Beziehung 
zum Kulturleben zu setzen; ist doch 
die Volksschule, die Schule überhaupt, 
eine natürliche Tochter der Kultur und 
ihrer Mutter allzeit eine treue Ge 
hülfin. In patriarchalischen Zuständen 
mochte das Familienhaupt Alles in einer 
Person, auch seiner Kinder einziger 
Lehrer sein; mit der beginnenden und 
fortschreitenden Kultur^aber ergiebt sich 
die Notwendigkeit der Arbeitsteilung 
wie auf materiellem so auf geistigem
	        

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