Full text: Rheinischer Schulmann - 2.1884 (2)

Die notwendigen Kehr- und 
von Lehrer Wesen: 
Das beste Mittel zur Erreichung 
des Zweckes der christlichen Schulzucht 
ist die Selbstzucht. Diese Behauptung 
findet man in den meisten pädago 
gischen Werken vertreten. Selbstzucht 
ist aber auch nötig für jeden Menschen, 
mag er auch gar nicht Lehrer oder 
Erzieher sein, sondern einen Beruf 
haben, welchen er will. Für letzteren 
muß sich der Mensch auch selbst er 
ziehen, wenn er ihn richtig ergreifen 
und erfüllen will. — Jeder Mensch 
kann sich aber nicht zu jedem Beruf 
selbst erziehen, sondern nur zu einem, 
zu dem er einen inneren Trieb und 
zu welchen: er Neigung hat. Hat er 
beides nicht, dann erschlafft die Selbst 
zucht; ist beides vorhanden, so erstarkt 
die Selbstzucht und schafft Früchte. 
Trieb und Neigung sind also not 
wendige Voraussetzungen zur Selbst 
zucht. — 
Trieb und Neigung zu einem be 
sonderen Beruf siud aber nicht jedem 
Menschen angeboren, als gäbe Gott 
schon jedem Menschen in seiner Neigung 
seinen Beruf aus die Erde mit. Gott 
giebt jedem Menschen die Anlagen zu 
allen seelischen Kräften, mit welchen 
der Mensch seine himmlische und irdische 
Bestimmung ausfüllen kann. Weil 
Gott diese Keime giebt, kann man sie 
auch Gabe nennen; aber nur allgemein. 
Allgemeine Gaben in diesem Sinne 
besitzt jeder Mensch; auch solche allge- 
nreine Lehr- und Erziehungsgabe. 
Wollte man etwa bezweifeln, daß ein 
erziehlicher Einfluß seitens der Eltern 
an den Kindern bemerkbar wäre? Die 
Verschiedenheit der Bildung sechsjäh 
riger Kinder beim Eintritt in die 
Schule liegt teils an der verschiedenen 
Bildung der Eltern, teils an deren 
schweren Beruf, der zur Kindererziehung 
keine Zeit läßt. Dann aber auch an 
der Umgebung des Kindes. Es ist 
Erziehungsgallen des Kehrers 
a n n zu Birkenweiler. 
ein großer Unterschied zwischen einen: 
sechsjährigen Stadtkinde und einen: 
gleichalterigen Landkinde! — 
Aus dieser allgemeinen Lehr- und 
Erziehungsgabe bildet sich durch die 
Erziehung die besondere Erziehungs 
gabe oder aus allgemeinen Gaben 
bilden sich besondere durch die Er 
ziehung. Durch die Erziehung des 
göttlichen Geistes bilden sich Gnadem 
gaben. Dr. Palmer: „Alles Natür 
liche, sobald es nicht oder nicht mehr 
der Sünde dienstbar ist, also z. B. ein 
bestimintes Temperament, ein Talent, 
eine Neigung, sobald das Alles durch 
den Eintritt des ganzen Menschen in 
die Zucht des Geistes Gottes unter 
deffen dominierende Einwirkung kommt, 
verwandelt es sich in ein Charisma." 
Die Erziehung bildet die Neigung, 
namentlich die Selbsterziehung. Deshalb 
berücksichtige man bei der Berufswahl 
die Neigung des Kindes, und zwinge 
es nicht, wie der Vater Linnes, der 
seinem Sohne mit Gewalt die Neigung 
zur Natur austreiben wollte. Neigung 
ist nach Schmidts Pädagogik ge 
bildet aus den Geistesvermögen in 
ihrem verschiedenen Zusammenwirken 
im Verein mit den verschiedenen Tem 
peramenten. Ist diese Neigung durch 
die Mannigfaltigkeit der Erziehung aus 
gebildet, so wird der Mensch alle seine 
Seelenkräfte anspannen, um seine Nei 
gung zu befriedigen, um das voll 
kommen zu erreichen, was der durch 
die Neigung getriebene Wille erstrebt. 
Da der Mensch das Ziel seiner Nei 
gung selten vollkommen erreicht, so ist 
er oft unzufrieden mit sich selbst. „Die 
Unzufriedenheit mit sich selbst ist das 
Glück des Weisen, die Zufriedenheit 
mit sich selbst die Strafe des Thoren." 
(Schumann, Unsere Schulzucht.) — 
Gabe ist also die durch die Erziehung 
entwickelte Neigung, einen bestimmten 
40
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.