Full text: Rheinischer Schulmann - 2.1884 (2)

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1. 
Her „erste“ deuische Aufsatz in Ser höheren Mädchenschule. 
Bon A. Bol d t - Elbing. 
I. 
Wenngleich der deutsche Unterricht 
alles in andern Disziplinen Erworbene 
in eigenes Leben und innere Anschauung 
verwandeln soll, wie ein bewährter 
Pädagoge, Gymnasial-Direktor Spilleke 
verlangt, so ist der Unterricht in der 
deutschen Muttersprache gerade für die 
höhere Mädchenschule außerdem noch 
von ganz besonderer, von „eigen 
tümlicher" Bedeutung. 
Die Schülerinnen der höheren Mäd 
chenschule tragen als die Blüte der 
deutschen Frauenwelt je nach ihrem 
Bildungsgrade die größere oder ge 
ringere Bürgschaft der ferneren Kul 
tivierung dieses köstlichen National 
schatzes für das sich verjüngende Ger 
manenvolk in dem eigenen Herzen. 
Sie, die zukünftigen Familienmütter 
hoher und höchster Staatsbürger, sind 
die ersten und sichersten Überlieferer 
der von ihnen ererbten und an ihnen 
veredelten Sprache von den gegen 
wärtigen auf die zukünftigen Gene 
rationen. 
Nur bei einen: mäßigen Prozentsatz 
der ehemaligen Schülerinnen der höhe 
ren Mädchenschule treten von den 
Kenntnissen in andern Sprachen wirk 
liche Leistungen über die Schulschwelle 
hinaus zu Tage und fallen der öffent 
lichen Kritik anheim. Der größte Teil 
der Mädchen rettet dauernd nur Rudera 
eines einst vielleicht recht ansehnlichen 
Vokabelvorrats ins praktische Leben 
hinüber. Das ist eine unvermeidliche 
Thatsache, mit welcher alle Welt willig 
rechnet. 
Ganz anders verhält sich die Sache 
aber mit den erlangten Kenntnissen 
im Deutschen. Sie treten, besonders 
im schriftlichen Verkehr, fast täglich zu 
Tage und wehe, wenn dann die Schü- 
Die Aufsatzhefte sind das 
Gesicht der Schule. 
lerin einer höheren Mädchenschule sich 
auch nur einen Jnterpunktionsfehler 
zu schulden konlmen läßt. Gleich ist 
man geschäftig dabei, abfällige Urteile 
über den ganzen Standpunkt der Schule 
zu fällen. Hieraus allein schon resul 
tiert, daß die höhere Mädchenschule 
dem deutschen Aufsatz die größte Auf 
merksamkeit zuzuwenden hat und nur 
Schülerinnen den Kursus abschließen 
läßt, welche durch ihre Leistungen die 
Schule würdig zu repräsentieren tm 
Stande sind. 
In pädagogischen nnb dirigierenden 
Kreisen hat man dem wichtigen Gegen 
stände denn auch fortgesetzt einen ersten 
Rang unter den Unterrichtsgegenständen 
eingeräumt. Dieses beweisen hinreichend 
die umfassenden Arbeiten von Dr. 
Schütze, Kehr, Diesterweg, Fischer, 
Tschache, Rudolph, Engelien, Jütting 
rc. und .die häufigen Referate und 
Korreferate von Berussgenossen auf 
kleinen und großen Lokal- und Pro- 
vinfial-Versammlungen. Jedoch 
— alle Brochüren und Vorträge haben 
mehr Zweck und Ziel des Aufsatzes 
auf der „obern" Stufe im Auge. Hier 
nun wollen die freundlichen Leser ein 
mal mit einigen anregenden Gedanken, 
welche keinen Anspruch auf Unfehl 
barkeit machen, über den „ersten" deut 
schen Aufsatz in der höheren Mädchen 
schule fürlieb nehmen. Von einem 
rechtzeitigen, verständigen Anfange wird 
unstreitig ein erfolgreiches Ende wesent 
lich abhängen. 
II. 
Nach den von vielen Seiten ge 
machten Erfahrungen dürften die ersten 
Aufsatzübungen in der höheren Mäd 
chenschule mit dem vierten Schuljahre 
zu beginnen haben. 
Das erste Schuljahr lehrt die Kleinen
	        

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