Full text: Rheinischer Schulmann - 2.1884 (2)

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I. 
Wallher van der Vogelweide. 
Sein Leben und seine Wirksamkeit als politischer Dichter (als Patriot) und als Pädagog. 
Motto: 
„Andeutungen, ivie wir sie bei deutschen Dichtern finden, 
über Menschennatur und Aufnahme des Lebens, scheinbar mehr 
für den feinsinnigen Gelehrten bestimmt, sind von so gediege 
nem Gold, daß sie auch im Schulstaub ihren Glanz und Wert 
behalten." 0r. Otto Willmann. 
Wenn der Frühling erscheint und 
der goldene Sonnenschein die lieblichen 
Kinder Floras aus ihrem langen, tie 
fen Winterschlafe zu duftigenl Leben 
erweckt, daß sie zu reichster Farben 
pracht sich entwickeln, dann ertönt auch 
aus dem jungbelaubten Maienwalde, 
in Hain und Busch in immer süßern 
und reinern Jubelklängen das vieltau 
sendstimmige Lied der heitern Früh 
lingssänger, und das Menschenherz wird 
mit hineingezogen in diese Naturfreude: 
es fühlt sich verjüngt, gehoben und zu 
neuer Thätigkeit angefeuert. — 
Solch einem heitern Lenz gleicht die 
glückliche, harmlose Jugendzeit, wo das 
Kind in froher Jugendlust, in frischem, 
lebhaftem, empfänglichem Sinn die 
Freuden des Daseins genießt, und im 
Vollgefühl des augenblicklichen Glückes 
in hellen Jubeltönen aufjauchzt, unbe 
kümmert um die Mühsale und Be 
drängnisse in spätern Stadien des 
Lebens. — 
Jede edle, zur Weltherrschaft beru 
fene Nation hat auch einen Frühling, 
da sich energische Thatkraft und geistige 
Spannkraft am herrlichsten offenbaren 
und in völliger Entfaltung aller Kräfte 
Werke gezeitigt werden, besonders auf 
dem Gebiet der Sangeskunst, an deren 
frischem Hauch sich noch die Spätleben 
den erquicken werden und die die Na 
tion überdauern. — 
Für uns Deutsche liegt jener Früh 
ling nicht in dem dunkeln mhthologi- 
schen Zeitalter, wo Donar nach all 
gemeiner Anschauung noch durch die 
Lüfte fuhr und den verderblichen Wet 
terstrahl hernieder sandte, nicht in je 
ner Zeit, da sich die ungefügige Kraft 
unserer reckenhaften Altvordern in be 
gehrtem, freudigem Kampfe gegen die 
Römer versuchte und man in den dunk 
len Tiefen und lichten Halden des 
deutschen Urwaldes den grimmen Bä 
ren und den gierigen Wolf erlegte. 
Wollen wir für diesen Frühling be 
stimmte historische Zeiten festhalten, so 
fällt er in das 12. und 13. Jahrhun 
dert, also in die glorreiche Regierungs 
zeit der hochgemuten Staufen. — 
Es hatte sich allmählich die innige 
Vermählung des deutschen Geistes mit 
dem Christentum vollzogen, und der 
trotzige Riese, der lange eigenwillig 
widerstanden, war ein Christusträger 
geworden. Englische Sendboten, von 
Glaubensfreudigkeit getrieben, brachten 
das Wort von der Welterlösung und 
predigten an heidnischer Opferstätte das 
Evangelium des Friedens. Man er 
richtete Kreuze und bauete Gotteshäu 
ser; und als die Stimme der Kirche 
für das Heiligste des Menschenherzens 
— für die Religion — aufrief, da 
verließ der Deutsche die teure Heimat, 
den traulichen Herd, ja Weib und 
Kind, um dem geliebten Himmelskönige 
im Kampf mit den Ungläubigen die 
ganze irdische Existenz als Opfer dar 
zubringen. — Neben der Weckung und 
Bethätigung ritterlicher Tugenden — 
das Rittertum jener Zeit war ja un 
bestritten Träger der höchsten Ideen — 
erhielt auch die geistige Spannkraft 
des Volkes fördernde Anregung. Das 
orientalische Wunderland mit seinem 
reichen Zauber wurde erschlossen, und 
in Berührung mit fremden Völkern, 
fremden Sitten entzündete sich die 
Phantasie und erschuf Geistesprodukte, 
die uns den „lachenden Glanz der 
Fröhlichkeit" jener liederreichen Zeit
	        

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