Full text: Quartalheft der Katholischen Schulzeitung - 2.1879 (2)

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net man nach einiger Zeit den Stöpsel des Glases und riecht, so bemerkt man merk 
würdigerweise nicht den Phosphorgeruch, sondern einen sehr erfrischenden, eigenthüm 
lichen Geruch, den man auch bei den elektrischen Versuchen mit dem Elektrophor oder der 
Eleklrisirmaschine wahrnimmt und der unwillkürlich an Terpentin erinnert. Bringt man 
neben dem Pfropfen einen Streifen blauen, benetzten Lackmuspapiers in das Glas, so 
färbt sich derselbe nicht bloß roth, sondern er bleicht und wird farblos, weiß. 
Genaue Untersuchungen haben gezeigt, daß der riechende, starkbleichende Stoff nichts 
anderes sei als Sauerstoff, nur in einer anderen, thätigeren Form, in welcher er rascher 
angreift und Verbindungen eingeht. Diesen thätigen Sauerstoff hat man nun den riechenden 
Sauerstoff oder Ozon genannt. Auf natürliche Weise wird die Bildung dieser Spe 
zialität von Sauerstoff in der genannten erregten Form vorzüglich durch elektrische Vor 
gänge eingeleitet. In der freien Natur ist es ganz besonders die Pflanzenwelt, deren 
Chlorophyl unter dem Einfluß des Sonnenlichts die Kohlensäure zerlegt und diesen 
Sauerstoff in großen Mengen produzirt. Aus diesem Grunde legt man die Leinwand 
zum Bleichen auf grünen Rasen und mischt dem letzten Waschwasser zum Weißzeug 
einige Tropfen Terpentinöl bei; deßwegen bekommen uns Spaziergänge in jungen Tan 
nen- und Fichtenwaldungen zur Frühjahrszeit so außerordentlich gut und benützt man 
sogar die jungen Triebe dieser Pflanzen zu Theeabsüden und Bereitung von Bädern 
u. s. f. Außerdem vereinigen sich zahllose, in der Natur spontan, d. i. ohne Wärme 
entwicklung vor sich gehende Oxydationsprozeffe bei stickstoffhaltigen und stickstofffreien 
Kohlenhydraten zu einer beständigen Ozonquelle. 
So wären wir also mit guter und sehr guter Lebenslust reichlich versorgt und 
wäre die Luft nach allen Seiten hin ein äußerst zuverlässiger Lieferant derselben, wenn 
sie nicht mit ihrem Sauerstoff im Dienste der organischen Natur stünde. So aber er 
hält sie das Athmen und Brennen, verursacht das Gähren, Vermodern und Verfaulen und 
jegliche Zersetzung der organischen Körper und wird durch diese chemischen Prozesse zu 
einer unerschöpflichen Quelle solcher Luftarten, welche ihre normale Beschaffenheit ver 
kehren und ihr Stoffe zuführen, welche sie verunreinigen und sie für das Leben von 
Menschen und Thieren mehr oder weniger gesundheitsgefährlich machen. Außerdem ist 
die Luft nicht bloß der Sammelplatz für alle diese in sie aufsteigenden Gase, sondern 
auch für das, was als Staub mit Gewalt von ihr in sie entführt wird. 
Unter solchen Umständen kann selbst in der freien Atmosphäre von einer reinen 
Luft im absoluten Sinne der Chemie keine Rede sein. Gleichwohl ist die freie Luft, 
wo sie sich ohne räumliche Beschränkung hin und her zu bewegen vermag, relativ 
rein, da lokale Verunreinigungen durch Stagnation nicht verderblich wirken können. 
Außerdem aber bleibt sie auch frisch, da sie durch Thau und Regen ausgewaschen, 
durch Winde erneuert und durch die Vegetation gewürzt wird. 
Diese genuine, natürliche, unverfälschte Form der atmosphärischen Luft ist aber, 
wie schon einmal berührt, vielen eine derartig ungewöhnliche Lungenspeise geworden, daß 
man sie mit dem offiziellen Namen der „Lan d luft" dem Dunstkreise der „Stadt 
luft" gegenüber stellt. Nun ist zwar auch die Stadtluft unter allen Umständen respi- 
rabel, insofern sie stets das normale Mischungsverhältniß von Sauerstoff und Stickstoff 
aufweist. Was jedoch die Güte ihres Präparats beeinträchtigt, das ist der geringere 
Ozongehalt. Zu dieser negativen Seite gesellt sich jedoch noch die positive, nämlich die 
Beimischung nicht athembarer (irrespirabler) Gase, aus Kloaken und gewerblichen Eta 
blissements theilweise Stagnation und Durchwärmung der Luft, organischer Staub gemischt 
mit Miasmen und Kontagien — seuchenartige und ansteckende Krankheitspilze. — Momen 
tan am störendsten ist der üble Geruch, welcher das Vollathmen hemmt und sozusagen 
den Appetit zum Athmen benimmt. Ist die Luft noch überdem durchwärmt, so wird die 
Lunge von dieser ihrer Speise ungefähr so angemuthet, wie der durstige Gaumen, wenn 
sich ihm trübes, abgestandenes Wasser darbietet. 
Die „Stubenluft" vollends laborirt nicht bloß von vornherein an all' den Män 
geln -der Stadtluft, sie ist überdies noch die Trägerin positiv schädlicher und giftiger
	        
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