Full text: Quartalheft der Katholischen Schulzeitung - 2.1879 (2)

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methodischen Richtungen laufen dabei so durch einander, daß sie für den jungen Fachmann 
ein Wirrsal bilden. 
Wir wollen die Hauptwerke und ihre Meister aus unserer Zeit nennen und ihre 
methodischen Grundsätze und Richtungen bezeichnen. Vorerst aber wollen wir zur besseren 
Erkenntniß derselben den Anfang und Fortgang der Rechenmethode überschauen. 
Die erste Rechenlehre verfaßte 
Peurbach. *) 
Sie beginnt mit der Benennung und Eintheilung der Zahlen. Einer, Zehner und 
zusammengesetzte Zahlen — Ziffer, Nominal- und Lokalwerth. Das II. Kapitel handelt 
von der Addition. Die Aufgabe „mehrere Zahlen in eine zu vereinigen", wird mit 
folgender Methode gelöst: „Schreibe die Zahlen so an, daß alle Ziffern der ersten Stelle 
(Einer) unter einander zu stehen kommen, ebenso die der zweiten u. s. f. Hast du sie 
auf diese Weise geordnet, so ziehe unter ihnen eine Linie und fange dann von der 
Rechten zu operiren an, indem du alle Zahlen der ersten Reihe (Einer) addirst. Aus 
solcher Addition geht entweder ein Einer oder ein Zehner oder endlich eine zusammen 
gesetzte Zahl hervor. Wenn ein Einer, so schreibe ihn unter die Linie und zwar senk 
recht unter die Einer; ist's ein Zehner, so schreibe eben dahin eine Nulle und addire den 
Zehner zur zweiten Reihe; ist's endlich ein vunierrw compositus, so schreibe den Einer 
unter die Einer, den Zehner rechne zur zweiten Reihe. Auf gleiche Weise verfahre mit 
dieser zweiten Reihe, vergiß aber nicht, den bei der Addition der ersten Reihe etwa er 
haltenen Zehner hinzuzufügen. Bist du mit der zweiten Reihe fertig, so gehe zur dritten, 
vierten rc. fort. Wenn du zur letzten Stelle gekommen, so kannst du, wenn die Addition 
Zehner gibt, dieselben ohne weiteres in die Summe setzen." 
Wie die Addition, ganz so lehrte Peurbach die anderen Spezies mit den Exempel 
proben. Besonders legte er Gewicht auf die Erlernung des Einmaleins. „Hast du 
dieses nicht inne", sagt er, „so versichere ich dir, wofern du dir nicht Mühe gibst, es 
zu erlernen, wirst du keine Fortschritte machen in der Rechenkunst" u. s. f. Kopfrechnen 
wurde nicht betrieben in der Periode dieser Methode. 300 Jahre und darüber wurde 
nach ihr der Rechenunterricht ertheilt. Bis zu Pestalozzi's Zeiten hatte sie keine Gegner. 
Rechnen war eine Kunst, ein mechanisches Uhrwerk, dessen Räder die Regeln waren. 
Pestalozzi 2) 
erklärte die Begriffe und Gedanken als Zweck des Unterrichts und Rechnen als das 
Unterrichtsmittel, welches diesen Zweck am sichersten erziele. Der Begriff der Zahl muffe 
aus sinnlichen, anschanbaren Gegenständen entwickelt werden. Man solle an der Hand 
der Anschauung die Zahl vor den Augen des Kindes entstehen lassen und es dann, immer 
an die Anschauung sich haltend, stufenweise weiter führen, so daß es die Resultate als 
etwas ganz Natürliches erkennt. Das Zifferrechncn kann erst auf das Anschauungs 
rechnen folgen als ein sich von selbst ergebendes Mittel, um das Angeschaute bildlich zu 
sixiren und leichter festzuhalten. 
Dies sind die hatiptsächlichsten Grundsätze aus Pestalozzi's Rechen - Unterricht. 
Sie sind gut. Weniger gut aber war die Praxis, in der diese Grundsätze ihre An 
wendung fanden. Man vernachlässigte das Zifferrechnen gänzlich; das anschauliche 
Rechnen wurde übertrieben. Man denke nur an die vielen Zahlenzerlegungen, die bis 
zum Ueberdrusse^) geübt wurden, wie z. B. 7 ist 7 X 1 und hinwiederum: 1 ist der 
7. Theil von 7; oder 3mal der halbe Theil von 2 und 6mal der 7. Theil von 7 
zusammengenommen, wie viel mal der 4. Theil von 4? Oder was soll es dem Kinde 
nützen, 1 Ganzes in 100 Theile zerlegt zn sehen? Weit mehr muß hier der Verstand 
dem Auge zu Hilfe kommen, als das Auge dem Verstände. Für alle Rechnungsarten 
Vergleiche Dr. Stockt, Gesch. d. Päd. pag. 696. — Peurbach, Mathematiker und Astronom, 
geboren 1423 zu Peurbach, einem Städtchen in Oesterreich ob der Enns, gestorben 1461. — Adam Riese, 
geb. 1492, gest. 1559. 
2) Geboren 1746, gestorben 1827. 
3 ) Raumer, Geschichte der Pädagogik.
	        
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