Full text: Quartalheft der Katholischen Schulzeitung - 2.1879 (2)

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hatte man seine Tabelle mit den matten, körperlosen Strichen und kam über das 
Tabellen rechnen nicht hinaus. Es wurde gezählt, addirt, subtrahirt, multiplicirt, 
dividirt, zerlegt und zusammengesetzt — und was war die Frucht aller Arbeit? Man 
arbeitete im abstrakten Rechenstoffe, erzielte abstrakte Bildung — vergaß aber auf 
die praktische Anwendung und das Leben. Wenn der Unterricht auch anschaulich war, 
so hielt er sich doch an die herkömmliche Ordnung des Rechenstoffes und mau rechnete 
um der Recheukenntniffe willen, aber nicht für's Leben. Mau sah die Einseitigkeit dieses 
Verfahrens ein und suchte nach Verbesserungen. Scholz und Diesterweg haben dieses 
Streben besonders gefördert. Mit 
D i e st e r w e g ! ) 
beginnt die neue (organische) oder entwickelnde Methode. Sein methodisches Hand 
buch für den Unterricht im Rechnen erschien i. I. 1829 und erlebte 6 Auflagen 
(1864 die letzte). Im Vorworte gibt er die Grundsätze an, die ihn bei Aufstellung 
des Lehrganges leiteten und die er für jeden guten Rechen-Unterricht nöthig hält. Sie 
sind das Beste, was über Rechenmethode geschrieben worden ist und sind in alle Unter 
richtslehren und Rechenbücher übergegangen. Sie dürften so zusammengefaßt werden 
können: Alles Rechnen muß ein Denkrechnen sein; Denkrcchnen verlangt nicht so fast Namen 
und Ziffern als Zahlbegriffe; diese können nur durch Anschauung gewonnen werden; 
derRechenunterricht hat formelle und materielle Bildung gleichmäßig 
anzustreben und dabei die Art des Lehrstoffes, die Individualität 
des Schülers und die Forderung des praktischen Lebens auf's Maß 
zu nehmen. 
Damit hat er eine feste Grundlage geschaffen; die heutige Rechenmethode steht darauf; 
man kann daran nicht rütteln. Mehr Handhaben zu Angriffen bietet der spezielle 
Lehrgang. Diesterweg läßt auf der ersten Stufe die Zahlen von 1 — 10 anschauen, 
benennen, mit denselben auf- und abwärts zählen, die Stelle jeder Zahl in der Reihe 
angeben; nachher lernen die Kinder die Ziffern dafür kennen und schreiben; darauf läßt 
er durch Hinzufügen von 1, nachher 2 u. s. w. zusammenzählen, alsdann die Grund 
zahlen in 2, nachher in 3 u. s. w. andere auflösen; als folgende Uebung die Zahlen 
von 1—9 abzählen. — Aus der zweiten Stufe läßt er die Zahlen von 10—100 
entstehen, darnach in die Zahlenräume die Grundzahlen zuzählen und als weitere Uebung 
auch dieselben abziehen. — Auf der dritten Stufe lehrt er die Entstehung größerer 
Zahlen und darauf das Zusammenzählen und Abzählen größerer Zahlen. — Auf der 
vierten Stufe erst kommt er zum Vervielfachen, anfangs mit kleinern und dann mit 
größeren Zahlen, woran sich noch als fünfte Stufe das Theilen, gleichfalls zuerst mit 
kleinen, dann mit größeren Zahlen anschließt; dies jedoch immer in Verbindung mit 
angewandtem Rechnen. Die folgenden Stufen bieten den weiteren Stoff mit wenigen 
Ausnahmen in der üblichen Aufeinanderfolge. (I. Theil.) 
Ueberall wird vom Einzelnen, Anschaulichen, Konkreten, dem Beispiele ausgegangen 
und zu dem Allgemeinen und Abstrakten, der Regel, aufgestiegen. Das schriftliche Rechnen 
schließt sich dem mündlichen sofort an. 
Wie schon aus der Anordnung des Lehrstoffes hervorgeht, huldigt Diesterweg dem 
Grundsätze von der allseitigen Behandlung einer Zahl in unmittelbarer Aufeinanderfolge 
nicht. Richt die einzelne Zahl, sondern die Operation, die Spezies macht er zum 
Mittelpunkte seines Unterrichtes. Das hat er mit den älteren Rechenmethodikern gemein, 
und das unterscheidet seine Methode von der Grube's. Diesterweg's Lehrgang ist in 
seinen Theilen nicht organisch verbunden; es geht die spätere Stufe nicht mit Nothwen 
digkeit aus der früheren hervor; die Eintheilung ist mehr eine willkürliche. Der Lehr 
gang von Diesterweg kann daher nicht mehr empfohlen werden. Aber die vielen prak 
tischen, methodischen Anmerkungen, welche ausgezeichnete Rathschläge, Winke, Mahnungen 
und Warnungen enthalten, und die musterhafte Behandlung der einzelnen Unterrichts 
pensen geben dem Buche einen bleibenden Werth. Wo ist ein Methodiker, der z. B. 
0 Geboren 1790, gestorben 1866.
	        
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