Full text: Katholische Lehrerzeitung - 4.1893 (4)

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Katholische Lehrerzeitung. 1893. Nr. 10. 
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genaue Kenntnis des Wissens, des Könnens, der Methode, 
der Licht-, noch mehr aber der Schattenseiten sowohl in 
erziehlicher als unterrichtlicher Hinsicht gewinnt. So oft 
als möglich muß er Zeuge der Thätigkeit jeder einzelnen 
Lehrperson in ihrer Klasse sein, um seiner Pflicht genügen 
zu können, „die vorgefundenenMängel den Klassen 
lehrern bemerklich zu machen und abzustellen". 
(II. Ergänz, d. Jnstrukt. d. Kgl. Reg. zu Düsseldorf 1880.) 
Erweitert ist noch dieser eigenartige Pflichtenbereich 
durch die vielfach sehr schwierige Kontrolle des außeramt- 
lichen Verhaltens der dem Hauptlehrer unterstellten Lehr 
personen, wo gründliche Information über Familienverhält 
nisse, gesellschaftliche Verbindungen, Nebenbeschäftigungen, 
Liebhabereien rc. unerläßlich ist. 
Zu dem allem kommt noch die umfangreiche Korrespon 
denz zwischen Schule und Behörde (periodische Berichte, 
Tabellen, Pläne, Statistiken rc. rc.), der zufälligen schrift 
lichen Arbeiten gar nicht zu gedenken. Die zahlreichen 
Verfügungen der Schulbehörden müssen ihm, weil er ja 
deren Befolgung zu überwachen hat, allezeit gegenwärtig 
sein, ganz besonders jene, welche den Unterrichtsstoff, die 
Verteilung desselben und die Schulzucht betreffen. 
So erscheint der Hauptlehrer gewisser 
maßen als die Seele mehrklassiger Schulen; — 
als Personifikation der Volksschul-Pädagogik, 
nicht bloß der theoretischen, sondern auch der praktischen, — 
als das Ge wissen der ihm unterstellten Lehr 
personen, — als fortwährende Manifestation 
des schulbehördlichen Willens. Der Hauptlehrer 
ist in der Regel auch noch Familienhaupt. Fürwahr! es 
müssen starke Schultern sein, die eine solche Pflichtenlast 
allseitig bewältigen können, und wer sind die Erkorenen, 
denen sie mit Zuversicht auferlegt werden darf? 
(Fortsetzung folgt.) 
Fehrerarbeit, 
Fehreriohn und Fehrerumnsche. 1 
Bortrag, gehalten zu Koblenz auf der III. Versammlung des 
Provinzialvereins kathol. Lehrer für Rheinland, 
von L. Vaatzen. 
Der Mensch besteht aus Körper und Geist. Obwohl 
der Geist der edlere, wichtigere Teil ist, so erschuf Gott doch 
zuerst den Körper; denn die Seele bedurfte seiner, um mit 
der Außenwelt in Verbindung treten zu können. Aber so 
wenig in einem kranken, verkümmerten Körper die Seele 
ihre Kräfte zur vollen Entfaltung bringen kann, ebenso 
wenig kann im Lehrerstand das Ideale sich zur Blüte ent 
wickeln, wenn nicht ein genügendes Einkommen die Grund 
lage dazu bietet. Wenn also auf einer Lehrerversammlung, 
wo das Ideale so reichliche Berücksichtigung findet, auch die 
Gehaltsfrage zur Besprechung gelangt, so dürfte das wohl 
gerechtfertigt erscheinen. 
Bei meinem Referate werde ich mich von folgenden 
Erwägungen leiten lassen: 
I. Die Thatsache, daß die Lehrerbesoldung zu gering! 
ist, gilt als erwiesen und findet Anerkennung sowohl im i 
' Nachdruck nur mit unserer Genehmigung gestattet. 
Volke als auch bei den Behörden; ja sie hat bestanden und 
ist anerkannt worden, so lange der Lehrerstand als solcher 
besteht. 
II. Daß dem Übel aber bisher noch nicht abgeholfen 
ist, liegt nicht in der Verkennung dieser Thatsache, sondern 
in der Verkennung der Berechtigung und Notwendigkeit 
der Abhilfe, weil man nicht einsieht, 
1. was der Lehrer zu leisten hat und demnach zu 
fordern berechtigt ist, 
2. daß nur ein Lehrerstand, welcher nicht durch 
Nahrungssorgen behindert ist, seine Aufgabe ganz 
erfüllen kann. 
III. Demnach lege ich bei Behandlung der Gehalts 
frage das Hauptgewicht nicht so sehr auf den Beweis, daß 
die Lehrergehälter ungenügend sind, sondern darauf, daß 
die Lehrerarbeit nach Quantität und Qualität so beleuchtet 
werde, daß auch der Nichtlehrer sie beurteilen lernt, woraus 
dann die Notwendigkeit eines genügenden Einkommens sich 
ergiebt 
1. als eine Forderung der Gerechtigkeit, 
2. als durch das eigene Interesse der betreffenden 
Faktoren geboten. 
A. Lehrerarbeit. 
Die Forderungen an die Leistungskraft der Lehrer 
sind im Verlaufe der Jahre immer mehr gesteigert worden. 
Von der wirklichen Höhe derselben haben nur Fachleute 
einen richtigen Begriff; wir wollen sie daher etwas näher 
beleuchten. 
Welche Eigenschaften fordert man vom Lehrer? Jedes 
Lehrbuch der Pädagogik giebt darauf Antwort: Der Lehrer 
muß einen gesunden Körper, ohne auffallende Fehler, haben; 
gesunde Brust und Sprachorgane sind durchaus notwendig. 
Seine geistigen Anlagen müssen sich über das Mittelmaß 
erheben, er muß logisch und rasch denken, eine gewählte 
Sprache besitzen und lebhaft schildern können. 
In den Wissensfächern muß er gründliche und 
umfassende Kenntnisse besitzen. 
In moralischer Hinsicht stellt man an keinen 
andern Stand so hohe Forderungen, mit Ausnahme des 
geistlichen. Dem Volksschullehrer darf nicht der geringste 
Makel anhaften. Mir sind Lehrer bekannt, welche sich in 
moralischer Beziehung ein Vergehen hatten zu schulden 
kommen lassen, welches nach den Paragraphen des Straf 
gesetzbuches nicht geahndet werden konnte, und doch ihres 
Amtes entsetzt wurden. In anderen Bcamtenstellungen 
fanden sie aber noch Unterkommen, in materieller und 
gesellschaftlicher Beziehung war der Tausch recht gut. 
Selbst solche Lehrer, die mit dem Strafgesetz in Konflikt ge 
raten waren, erhielten später andere Stellungen mit besserem 
Einkommen. Die meisten Beamten, wenn sie in ihrem Dienst 
tüchtig, pünktlich und treu sind, mögen in ihrem Privat 
leben treiben, was sie wollen, kein Mensch kümmert sich 
darum. Was ihnen als Schwäche angerechnet wird, gilt 
beim Lehrer als Verbrechen; hundert Augen schauen auf ihn 
und bemerken jeden Flecken; und das ist notwendig und recht. 
Welche Anforderungen stellt man an die Arbeitskraft 
der Lehrer? Der Lehrer, so hört man oft sagen, hat ein 
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