Katholische Lehrerzeitung.
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XII. Jahrgang. Ur. 30. |
Druck und Verlag von Ferdinand SchöningI>. ?
s Paderborn. |
20. Oktober 1901.
Inhalt: Der Erzieher und seine Ausgabe. Von Jos. Kritik. — Schulrecht. — Rundschau. — Litterarisches.
Schiefer. — Nochmals „Flachsmaun als Erzieher". — — Berichtigung. — Anzeigen.
Aer Erzieher und seine Aufgabe.
Von Joseph Schiefer.
Bei den alten Griechen und Römern hatten die
Kinder der Adeligen einen sogenannten Pädagogen.
Derselbe hatte die Aufgabe, die Kinder dieser Vor
nehmen in die Schule zu begleiten, deren Schul
taschen und Schulsachen zu tragen und die Kinder
zu schützen auf dem Wege zur Schule. Diese
Pädagogen waren Sklaven, und der Vater solcher
Adeligen, welcher bei der Erziehung seiner Kinder
mehr auf die körperliche Entwicklung und Aus
bildung des Verstandes, als auf die Herzens
bildung und religiöse Erziehung sein Augenmerk
richtete, glaubte nichts Besseres thun zu können,
als seine vielversprechenden Sprößlinge der Füh
rung seiner Sklaven anzuvertrauen. Er glaubte,
diese seien eben gerade gut genug zu diesem „Ge
schäfte". Und so kam es denn häufig vor, daß
diese Sklaven den ihnen anvertrauten Kindern zum
Ärgernis gereichten. Anstatt dieselben vor falschen!
Wegen zu bewahren, wurden sie ihnen zum Ver
führer. Doch dies sei bloß so nebenbei bemerkt.
Also dieser Pädagoge bei den vorhergenannten alten
Kulturvölkern der Römer und Griechen hatte die!
Aufgabe, die ihm anvertrauten Kleinen zur Schule
zu begleiten, zu führen, daher auch der griechische!
Name Pädagog, welches so viel bedeutet als Führer
der Kinder.
Der Pädagog in unserm heutigen Sprach
gebrauch hat auch die Aufgabe, die ihm anver
trauten Kinder auf dem gegebenen Wege zu begleiten,
zu führen, und zwar so, daß dieselben das ihnen
gesteckte Ziel erreichen, wenn auch unter dieser Füh- i
rung eine ganz andere gemeint ist als bei den
beiden oben angeführten Staaten. Unsere heutigen!
Pädagogen sollen auch den Weg weisen, welchen!
das Kind zu gehen hat, sie sollen dasselbe auch |
auf das Ziel hinlenken, welches dasselbe zu erstreben
hat. Und welches ist dies Ziel, auf welches der
Erzieher den Zögling hinzulenken hat? Denn so-
? lange der Pädagog sich über dieses Ziel nicht selbst
klar ist, oder solange er dieses Ziel falsch auffaßt,
! solange kann er auch dem ihm zur Erziehung über
gebenen Kinde keine wahre Erziehung angedeihen
! lassen. — Denn wer erstens das Ziel nicht kennt,
! wohin alle Erziehung hinauslaufen soll, der kann
auch sicher nicht gedeihlich auf den zu erziehenden
Zögling einwirken; das Endresultat wird etwas
Verworrenes und Verschwommenes sein und es
eher verdienen, eine „Verziehung" als eine Er
ziehung genannt zu werden. Solche Kinder werden
dann später, wenn sie aus der Hand des Erziehers
! entlassen sind, ohne feste Grundsätze, charakterlos
und planlos auf der Bühne des Lebens auftreten,
ins blaue hineinleben, um dann oft nach einem
Leben voller Irrfahrten und Jrrgänge einem für
sie fraglichen und rätselhaften Jenseits entgegen-
| zugehen. — Wer hingegen zweitens das Ziel falsch
auffaßt, der geht zwar nicht planlos vor, aber er
führt seinen Zögling auf eine falsche Fährte und
zeigt ihm ein Ziel, welches das ihm anvertraute
Kind nicht erreichen kann oder nicht erstreben darf.
So zum Beispiel die Naturalisten, an ihrer Spitze
Rousseau. Dieselben behaupten, daß der Mensch
an und für sich gut sei, daß er aus sich allein ohne
Gottes Offenbarung die ewigen Wahrheiten er
kennen könne und aus eigener Kraft das Gute zu
thun und seine Glückseligkeit zu erlangen im stände
sei. — Weiter giebt es solche Erzieher, welche zwar
einen Teil des Zieles bei der Erziehung richtig
erkennen und erstreben, nicht aber den anderen.
Es sind dies in einem Worte die Einseitigen.
Wenn es überhaupt in jedem Stande, in jeder
Wissenschaft Einseitige giebt, so ganz besonders
in der Erziehungswissenschaft und Erziehungskunst.
Da haben wir vorerst jene, welche bei der Er
ziehung das Hauptgewicht auf die Entwicklung der
Körperkräfte legen, welche darauf ihr Ziel richten,
daß alle die verschiedenen Kräfte des Leibes har
monisch ausgebildet werden und zur vollen Ent
wicklung gelangen, während sie die Ausbildung des