Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 14.1870 (14)

Nothstände und Uebelstände im ostpreußischen Schulwesen. 103 
wissen zu vereinigen ist, auf die Seite des Lehrers stellt, und auch den Schein sorgsam 
meidet, als ob man sein Ohr den Denunzianten zu leihen irgend gewillt sei. Das 
widerwürtge Denunziantenwesen würde in vielen Schulbezirken nicht so große Dimensionen 
annehmen, wenn es bei den Vorgesetzten der Lehrer nicht willige Ohren fände. Es 
dürfte nicht schwer sein, eine ganze Reihe von Lehrern aufzuführen, die unter der Last 
unermüdlich über sie gebrachter Anklagen, in deren jeder ein Paar Körnlein Wahrheit 
und ganze Hände voll Unwahrheit enthalten waren, heruntergekommen und zu Grunde 
gegangen sind. Einem Schulinspector, welcher enssprechenden Orts darüber Klage führte, 
daß an einem Schulorte einer der Schulvorsteher sich ein Geschäft daraus mache, auf 
das ganze Thun des ihm gegenüber wohnenden Lehrers gmau zu passen, und alle schein 
baren oder wirklichen Unregelmäßigkeiten zur Anzeige zu bringen, wurde die Antwort: 
„Das ist ja prächtig!" — Nein, wir können das nicht prächtig nennen, sondern das 
ist niederträchtig, und wenn wir keine andern Mittel haben, die Lehrer zur gewissenhaften 
Wahrnehmung ihrer Pflichten anzuhalten, so beschmutzen wir uns doch mit diesem Mittel 
nicht die Hände. — Ein einziges solches: „Das ist ja prächtig!" muß den Unmuth 
Md die Verbitterung in alle Lehrerherzen tragen, die davon hören. 
Es mangelt an Lehrern. Viele Lehrerstellen, namentlich bei den zweiten Schul 
klassen, müssen nothdürftig durch Präparanden oder durch den Lehrer der ersten Klasse 
besorgt werden. Um die jungen Leute zu bewegen, in den Lehrerstand einzutreten, hat 
die Schulbehörde in anerkennenswerther Weise die Lehrergehülter aufgebessert und nach 
Kräften dazu beigetragen, daß auf dem Wege der Vereinsthätigkeit der vielbesprochenen 
Noth der Lehrer abgeholfen werde. Und ihr ist abgeholfen worden. Die verhungerten 
Schulmeister, wenn sie überhaupt jemals existirt haben, gehören in die Witzblätter. — 
Schulinspectoren und Lehrer wurden aufgefordert, Präparanden zu werben. Es geschah 
und dazu mit gutem Erfolg, es haben sich so viele junge Leute zur Aufnahme ins 
Seminar gemeldet, daß man eine Auswahl hat treffen können. Da erscheint unter dem 
15 October 1869 Nr. 477/9 II eine Verfügung der Königlichen Regierung in Kö 
nigsberg, die später auch im Volksschulfreunde abgedruckt ist, in welcher zuerst mit Ge 
nugthuung der Thatsache Erwähnung gethan wird, daß sich die Zahl der Präparanden 
gemehrt habe, daß auch die Leistungen derselben besser geworden seien. Dann wird 
darüber Klage geführt, daß die Mehrzahl der Präparandenbildner sich der Präparanden 
nicht sorgfältig genug annimmt, ja daß es nicht an Fällen gefehlt habe, wo die Prä 
paranden fast gar keinen Unterricht erhalten hätten, sondern in Schule und Wirthschaft 
helfend verwandt worden sind. Dann fährt die Verfügung fort: „Es ist daher nöthig, 
daß zur Verhütung solchen Mißbrauches die schärfste Controlle geübt wird. Jeder 
Lehrer, welcher einen oder mehrere Präparanden angenommen hat, muß einen Lehr- 
und BeschäftigMgsplan entwerfen, welcher genaue Auskunft über die Zahl der täg 
lichen Unterrichtsstunden und über die sonstige Beschäftigung der Zöglinge giebt. Der 
selbe bedarf der Bestätigung des Kreisschulinspectors und ist diesem bei jeder Prüfung 
der Zöglinge vorzulegen. Wo sich Mangel an sicheren Fortschritten, an geistiger Durch 
bildung, an Kenntnissen und sprachlicher Uebung zeigt, da wird genau fest zu stellen 
sein, ob der Präparandenbildner seine Schuldigkeit thut oder nicht." — Diese Verfü 
gung hat allgemeine Verstimmung unter den Schulinspectoren wie unter den Lehrern, 
die sich mit der Bildung der Präparanden Mühe gegeben haben, hervorgerufen, und es 
dürften Viele von ihnen sich fortan dieser Arbeit nicht mehr unterziehen. Der Präpa- 
randenunterricht ist nämlich ein freiwilliger und wird eigentlich auch nicht honorirt. 
Denn die zehn Thaler, die jedem Lehrer, der einen Präparanden ins Seminar liefert, 
ausgezahlt werden, können doch nicht als ein Aequivalent für mehrjährigen Unterricht 
angesehn werden, zumal wenn der Lehrer in der oben angegebenen Weise gebunden und 
darüber strenge kontrollirt werden soll, ob er auch in der vorgeschriebenen Art seinen 
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