Beilage zum Evangelischen Schulblatt.
Deutsche Schulzeitung.
15. April 1870.
Correspondenzen.
Barmen. Die Kurzsichtigkeit, ihre Ursachen und Folgen, mit be
sonderer Berücksichtigung der Schule. Ueber diesen Gegenstand hielt Herr Prof.
Schieß in Basel einen Vortrag, aus dem wir nach dem „Süddeutschen Schulboten"
das Wichtigste mittheilen. — Der Grund der Kurzsichtigkeit ist in abnormer Wölbung
des Augapfels zu suchen. Während bei einem gesunden menschlichen Auge die Längen
achse, von vorn nach hinten gerechnet, 25—26 Millimeter beträgt, erreicht sie bei
Kurzsichtigen eine Länge von 30 und mehr Millim. Diese Verlängerung hat zur
Folge, daß gleichlaufende Lichtstrahlen, wie sie von entfernten Gegenständen kommen, nicht
auf, sondern vor der Netzhaut sich vereinigen und also kein deutliches Bild entwerfen.
Dagegen werden auseinanderfahrende Lichtstrahlen, wie sie von nahen Gegenständen
kommen, später sich vereinigen und die Netzhaut treffen.
Wenn wir nun die Geschichte des kurzsichtigen Auges studiren, so fragt es sich
zuerst, wie und wann die Kurzsichtigkeit entsteht. Sie entsteht dann, wenn das
Auge anfängt, in andauernder Weise für nahe gelegene Gegenstände sich einzurichten.
Einer der Muskeln des Auges dient nämlich dazu, die Gestalt der Krystalllinse zu
verändern, sie nach vorn auszudehnen und dadurch dicker zu machen. Dieser Vorgang
heißt: Akkommodation. In je größerer Nähe gesehen werden soll, ein um so größerer
Theil derselben wird verwendet. Der Punkt, welcher bei der größten Akkommodationsan
strengung noch deMlich gesehen wird, heißt: der Nahepunkt. Diese einmalige, temporäre
Akkommodationsanspannung wird eine bleibende und dadurch dauernde Kurzsichtigkeit her
vorrufen, wenn durch öftere Wiederholung, namentlich im Kindesalter, der damit stets
verbundene Druck im Innern des Auges erhöht wird, und so die sehr weichen und
saftreichen Häute des Auges dem vermehrten Druck nachgebend, sich nach und nach
ausdehnen und zwar hauptsächlich nach hinten, weil gerade nach hinten die nachgiebigste
Stelle des Auges liegt. Diese ganze Veränderung wird noch durch die starke Blutfülle des
Organs unterstützt, die theils Folge der akkommodativen Anstrengung, theils der vorn
über gebeugten Kopfhaltung ist. Diese energische Anwendung des Akkommodationsapparats
geschieht meist erst im schulpflichtigen Alter. Und wenn das Kind, das über seinen
Akkommodationsmuskel noch nicht Herr ist, sich überhaupl anstrengen muß, so zieht es
denselben möglichst stark zusammen. Anstatt nur einen Theil derselben, verwendet es
die ganze Akkommodation, und bringt sein Buch, seine Tafel möglichst nahe an's Auge.
Hierdurch wird die besprochene Ausdehnung, resp. Verlängerung des Auges eine kon
stante, und der Fernpunkt des Auges d. h. derjenige Punkt, der die größte Ent
fernung bezeichnet, in der das Auge in völligem Ruhezustände scharf sieht, wird hereinge
rückt. Man muß lernen, für verschiedene Entfernungen zu sehen, und sollte das in
der Schule lernen, was allein dadurch geschehen kann, daß durch zweckmäßige Konstruk
tion der Schulbänke die aufrechte Stellung dem Kinde die leichteste und angenehmste ist.
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