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Beilage zum Evangelischen Schulblatt.
Deutsche Schutzeitung.
1. Mai 1870.
Corrtspondenzen.
Aus dem Großherzogthum Hessen. In diesen Tagen haben unsere Landstände
in mehreren Verhandlungen dem Schulwesen ihre Aufmerksamkeil gewidmet, und zwar
zunächst gelegentlich einer Verhandlung wegen der Aufbringung der Kosten für die Schulen
zu Mainz und sodann auf Veranlassung eines besonderen Antrags des Abgeordneten
Edingers auf Abänderung einiger Artikel unseres Schuledikts, namentlich wegen der
Verwandlung der Confessions- in Communalschulen und wegen der Zusammensetzung
der die Schule beaufsichtigenden Behörden. Der Antragsteller wollte, daß die berührte
Verwandlung erleichtert werde, da die jetzigen Bestimmungen die Bildung von Communal
schulen unmöglich machten. Nach seiner Ansicht aber müßten die Gemeindeschulen die
97c'.el, die Confessionsschulen die Ausnahme sein. Eine Communalschule, wie er sie
verstehe, sei eine Schule, ander gar kein Religionsunterricht ertheilt werde; doch
wisse er, daß dieses Prinzip bei uns nicht durchführbar sei. Daher sei er für die ge
mischte Schule. Doch sprach er sich für Maßregeln aus, durch welche der Schule all
mählich ihr confessioneller Charakter genommen werden solle. Die ausgesprochenen An
sichten fanden mehrfachen Beifall. Abgeordneter Becker wendete auf das Hess. Schuledikt
die Worte Göthe's an: „Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine Krankheit fort."
Das Schuledikt stamme aus einer Zeit, in welcher der Hess. Staat noch auf dem christlich
germanischen Standtpunkt gestanden habe. Unser heutiger Standpunkt sei der des reli
giösen Jndifferentismus. Leider aber halte man im Schulwesen noch an dem
alten christlichen Standpunkt fest. Die Schule sei zunächst für die christlichen Kinder
bestimmt; die andern könnten als Zeloten mitlaufen. Unser jetziges Schulwesen müsse
ein Gemeindefchulwesen sein. Man solle vom Prinzip der Gewissensfreiheit ausgehen
und Niemanden zwingen, das zu glauben, was er nicht glauben wolle. Andere Redner
wiesen darauf hin, daß bei der Trennung von Staat und Kirche jener die Schule
absolut für sich beanspruchen müsse, und darum der Kirche ihre bisherige Stellung zur
Schule unmöglich lassen könne. Auch von dieser Seite konnte man nicht leugnen, daß
das Hess. Schuledikt von 1832 zu seiner Zeit vortrefflich gewesen sei, und noch immer
manche Vorzüge habe. Aber das Schulwesen, wie es in Wirklichkeit sei, genüge den
bestehenden Verhältnissen nicht mehr. Das Resultat, welches die Volksschule liefere, sei
ein geringes. Mancher Lehrer sei erstaunt, wem er nach einem Jahr einen seiner
Schüler wieder unter die Finger bekomme und sehe, daß derselbe kaum seinen Namen
schreiben könne. Die hessischen Schulen seien schlecht, aber die preußischen seien noch
schlechter. Die heutige Zeit, in der sich der Mensch die Naturkräfte dienstbar gemacht
habe, stelle an alle Klassen der Gesellschaft höhere Forderungen. Dagegen wurde von
anderer Seite, namentlich vom Oberstudien-Director Kritzler das Schuledikt vertheidigt;
dasielbe habe sich durch die Erfahrung als gut bewährt, so daß weder der Erlaß eines
Schulgesetzes, noch eine allgemeine und zusammenhängende Revision des Edikts nöthig

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