Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 14.1870 (14)

Ein Lehrerfreund. 
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Er zählte zu den Stillen im Lande, die in der Gewißheit, daß ihr Name im Himmel 
angeschrieben ist, sich keinen Namen auf Erden zu machen wünschen. Das charakteristische 
seiner Gesinnung war ein heißes Verlangen nach den unvergänglichen Gütern, die uns 
in Christo Jesu erschlossen sind, für welche die Welt keinen Sinn hat. Darum paßt 
das Wort Hamanns, das Jakobi auf Wizenmanns Grab setzen ließ, auch auf ihn: „Selig 
ist der Mann, dessen Ziel und Laufbahn sich in die Wolke jener Zeugen verliert, deren 
die Welt nicht werth war." — 
Die hier folgenden Mittheilungen über Bs. Leben sind aus meinem langjährigen, 
vertrauten Umgang geschöpft und erreichen ihrm Zweck, wenn sie dem Leser noch einmal 
das Bild des theuren Mannes in deutlichen Zügen vor Augen malen. 
B. verlebte seine Jugendjahre bei seinen allgemein geachteten Eltern in Essen, Be 
sitzer eines sehr frequenten Gasthofs. Schon ftüh äußerte sich bei ihm ein lebhafter 
Sinn für Schicklichkeit, Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit. So gestattete er nicht, daß in 
seiner Gegenwart einem Angetrunkenen geistige Gettänke verabreicht wurden und wies 
die Kellner ernstlich zurecht, wenn es doch geschah. — Arme und Nothleidende wandten 
sich nicht vergebens an ihn. Es war ihm eine Freude, mit seinen Ersparnissen Thränen 
zu trocken und Seufzer zu stillen. Seinen Eltem und Lehrern nöthigte er durch sein 
bescheidenes und doch entschiedenes Verhalten Achttmg ab. Als Gymnasiast schloß er 
sich einem genialen Jüngling, welcher Theologie studiren wollte, mit seltener Innigkeit an. 
Mit bedemend geringerm Anlagen ausgestattet, wußte er dennoch seinen begabten Freund 
durch seinen Wissensdrang so zu fesseln, daß sich beide oft halbe Tage lang auf einem 
Zimmer abschlössen und in ihrer Weise Gottesgelehrsamkeit trieben, wobei es mitunter 
zu heftigen Disputationen kam. Mit vornehmen, weltlich gesinntm Leuten verkehrte er 
höchst ungem und war in ihrer Mitte zurückhaltmd und furchtsam. Fand er aber einm 
nach Wahrheit suchenden Menschen, mochte er gleich den Geringsten im Voll angehören, 
so schloß er sich ihm an und suchte von ihm zu lernen. Fortan aber blieb er ihm 
mit aufopfernder Liebe zugethan. Diese Demuth gerade ist ein hervorstehender Zug in 
dem Bilde des sel. B. Gewiß ist sein großer Reichthum an Erkenntniß eine Frucht 
dieser christlichen Gesinnung. — Sein Gott, mit dem er täglich in kindlichem Gebet 
verkehrte, stärkte und festigte diesen auf den Kern des Menschen gerichteten Blick, indem 
er ihm einst einen armen Fuhrmann und später einen armen Handelsreisendm zusandte, 
mit denen er sich besonders in seinen Ferientagen in dem Hause seiner Eltem versam 
melte und schon früh den Segm der Gemeinschaft erfahren konnte nach dem Worte: 
„Wo zwei oder drei versammell sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." 
Sie unterhielten sich über Wahrheiten der heil. Schrift und wurde ihm hier von den 
schon ältem und bewährten christlichen Freunden nicht blos neue Anregung für seinm 
auf die ewigen Wahrheiten gerichteten Forschungstrieb gegeben, fondem namentlich ein 
tieferes Verständniß des Heilsplanes Gottes mit den Menschenkindem schon in seinen 
Jünglingsjahren aufgeschlossen. Frühe ging er aus, den Herrn zu suchen, frühe fand 
er ihn. Frühe entwickelte sich in ihm die fette Ueberzeugung, daß Erkenntniß der Wahr 
heit und die Weisheit von oben die köstlichsten, begehrenswerthesten Schätze sind und 
daß sie, wie schon die vergänglichen Schätze dieser Welt, erstrebt und errungen sein 
wollen. 
Seiner innersten Neigung nach wäre er am liebsten Landwirth geworden, denn er 
dachte sich gerne den Bauernstand als den freiesten, Gott und der Natur am nächsten 
bleibenden Stand. Dazu mochten die patriarchalischen Zustände, die aus der Bibel in 
seine Anschauung übergegangen waren, nicht wenig beitragen. Seine Eltem hatten ihn 
indeß für den Kaufmannsstand bestimmt und schickten ihn von der Secunda des Gym 
nasiums nach Duisburg zu einem Kaufmann in die Lehre. Er hatte hier Gelegenheit, 
etwas Tüchüges zu lernen und benutzte sie tteulich. Mtt seinm Freunden, die ihm so
	        

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