Evangelisches Schulblatt.
1. 3uli 1870.
I. Abtheilung. Abhandlungen.
Heuriges und Ferniges.
48.
Naturbeachtung und Betrachtung.
(Vortrag, gehalten 11. Mai 1870 im pädagogischen Leseverein in Saarbr*.)
„Komm, mein Freund, laß uns auf das
Feld hinaus gehen; die Lilien geben den
Geruch, und vor meiner Thür sind allerlei
edle Früchte. Mein Freund, ich habe dir
Beides, das Heurige und das Fernige, be
halten."
Hohelied 7, 11. 13.
Endlich ist, wenn auch spät, der Frühling wiedergekommen. Nicht
bloß in der Natur regen sich da die Kräfte und Säfte, wie zu keiner andern
Jahreszeit: auch im Menschen regt sich ein neues Leben, wie in dem Maaße zu
keiner andern Zeit des Jahres, und wir treten von neuem in einen lebendigen
Verkehr mit der Außenwelt. Da liegt auch wohl die Frage nahe: Wie stehen
wir überhaupt zur Natur? und — da wir Lehrer sind — die weitere: Was
thun wir, unsern Schülern dieselbe bekannt, lieb und werth zu machen? An die
Natur knüpft sich ja ein sehr großer Theil unserer Lebensbeziehungen: Gott,
Mensch und Natur, das sind die drei Prinzipien, um die sich auch alle Un
terrichtsgegenstände gruppiren lassen.
Man könnte nun freilich sagen: die Kinder leben in der Natur, sie bewegen
sich in derselben und nehmen von ihr mancherlei Eindrücke in sich auf — laßt
das nur auf sie wirken! Wenn man dies als eigentliche Theorie auch wohl nie
mals aufgestellt hat, so handelt man doch in praxi vielfach darnach.
Es ist zwar wahr, daß selbst kleine Kinder oft überraschend feine Beobach
tungen und richtige Bemerkungen über Dinge der Natur machen, aber das sind
doch eben Ausnahmen! Nichts ist gewöhnlicher, als die Achtlosigkeit, die nichts
beobachtet und wenig bemerkt. Es ist auch hier, wie bei aller geistigen Thätigkeit,
eine Andeutung, Entwickelung und Ausbildung nöthig. Man frage doch das Kind,
ob es auch wisse, wie viel Fenster rechts von der Hausthür und wie viel links
davon sich in einem Hause befinden, in das es so oft eingetreten ist; es wird
in den meisten Fällen die Antwort schuldig bleiben. Auffallender ist noch die Un
wissenheit in Dingen der Natur, die den Kindern doch so sehr zugänglich sind.
Man frage nur die Stadt- ja die Dorfjugend: Wer hat schon eine Lerche gehört
*) Der frei gehaltene Vortrag wird hier frei wiedergegeben.
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