Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 14.1870 (14)

Nothstände im ostpreußischen Schulwesen. 
»L» 
Leute sollten zu den Seminarien bester vorgebildet kommen; und jetzt, da die Behörde 
diesem Verlangen hier Ausdruck giebt, wird sie dafür von einem Schulinspektor getadelt. 
Offenbar mit Unrecht. Wer sich steiwillig dem Geschäfte der Präparanden - Bildung 
unterzieht, möge sich freuen, daß die Behörde ihm die Erfassung der Gesichtspunkte er 
leichtert, auf welche es ankommt; auch damit nicht unzufrieden sein, daß seine selbster 
wählte Thätigkeit, weil sie für dm künftigen öffentlichen Beruf schon vorbilden soll, auch 
der Beaufsichtigung unterworfen wird; ja möge destm gedenkm, daß es eigentlich nur 
sehr wenige Lehrer gegeben hat, welche ihren Seminar-Aspiranten eigentlichen Unterricht 
ertheilt haben. Meistens habm die Präparanden die Helfer in den überfüllten Klassen 
sein, dann und wann einm schriftlichen Aufsatz machen, im Uebrigen sich selbst unter 
richten müstm. Ich kann nur sagm, daß ich bei den Präparandm, die ich für die 
Aufnahme ins Seminar vorgeprüst, meistens nicht enffprechende Leistungen gefunden habe, 
selbst dann nicht, wenn der Lehrer in seiner Schule tüchtig war. Dieser hatte eben b e- 
sonderen Unterricht nicht erthellt. 
Habe ich bei dem bisher besprochenen Inhalte schon mein Bedauern über die bit 
teren Erfahrungm aussprechen müssen, welche offenbar auf die ganze Anschauung des 
Verfassers einen trüben Schatten und in die Darstellung eine fast gallige Schärfe ge 
worfen haben; so muß ich dies in noch erhöhetem Maaße über den Schluß seiner gan 
zen Abhandlung thun. Er sagt, er sei für die Lehrer, „diese Benoni's unseres Volkes" 
und für die Schule eingetreten mit der redlichm Absicht, der guten Sache einen Dienst 
zu leisten. Nun, daß die Lehrer die Schmerzenssöhne unseres Volkes seien, kann ich nicht 
zugeben.*) Vielleicht werden sie jetzt anfangen, sich als solche zu fühlm, nachdem sie es 
gehört haben. Daß die redliche Absicht erreicht werdm wird, muß ich bezweifeln. 
Denn es kann nur Mißstimmung hervorgerufm oder verstärkt werden, während es doch 
Pflicht ist, die Liebe in Christo nicht bloß zu predigen, sondern auch durch That der 
Versöhnung zu bethätigen. 
Der Verfasser will aber noch im Jntereste der Schulinspektoren, die auch Diener 
der Kirche sind, sprechen und sagt: „Die Liebe zwischen der Schulbehörde und uns 
(Schulinspektoren) ist allerdings nicht sehr heiß, ist namentlich in den letzten Jahren 
etwas kühl geworden." Bezieht der Verfaster diesen Ausspruch auf sich allein, so muß 
er ihn verantworten; bezieht er ihn aber auf alle Schulinspektoren, so weiseich ihn nicht 
blos für meine Person, sondern auch für viele mir bekannte Amtsgenossm zurück und 
ftage: Wer hat ihn zum Anwälte der Hunderte von Geistlichen gemacht, welche auch 
Schulinspektoren sind? — Wenn er erwähnt, man mache den Schulinspektoren den Vor 
wurf, sie hätten kein Herz für die Schule und gingen darum auf die Intentionen der 
Behörde nicht ein, sie stellten ihr ihre Kräfte zur Hebung des Vollsschulwesens und der 
Bildung nicht mit Eifer zur Disposition: so mögen die hoffentlich wmigen Geistlichen, 
die es trifft, sich den Vorwurf als eine Mahnung an ihre Pflicht annehmen. Denn 
wer soll denn der Schulbehörde helfen, die wohlgemeinten Jntmtionen zu erreichen, als 
die Geistlichen, welche Schulinspektoren sind? Wir sind doch wahrlich zuerst: dazu ver 
bunden, die wir unseren Kirchengemeinden die Pflicht des willigen Gehorsams in der 
Liebe Christi ohne lAgenliebe vorzuhalten haben. Es wird ein Widerstreben auch da 
durch nicht gerechtfertigt, daß, wie der Verfaster sagt, die Widerstrebenden ein Herz für 
die Schule und auch für das Landvoll, in besten Mitte sie wohnten und dessen Leiden 
und Freuden sie theiltm, haben. Es läßt sich das Eingehen in die Intentionen der 
Behörde und die Theilnahme für das Landvolk recht wohl mit einander verbinden. Ver 
mag man jedoch, was gefordert wird, nicht mit seinem Gewissen zu vereinigen, so weiß 
ich nur Einen Ausweg: Man lege das Amt nieder, destm Pflichten man nicht erfüllm 
*) Es giebt z. B. keine Beamtenklasse, der in Bezug auf Aufbesserung ihres Einkommens 
soviel Fürsorge gewidmet worden ist, als dem Lehrerstande in neuerer und neuester Zeit.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.