Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 14.1870 (14)

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Deutsche Schulzeitung. 
unterscheiden, weil durch das Jneinandermengen beider eine geistige Magenverderbung 
entstehen muß. Sodann muß man weiter begreifen, daß sich geistige Dinge überhaupt 
nicht lernen lassen, sondern daß die Wahrheit Jedem ohne Unterschied gleichsam neu 
geoffenbart werden muß. Wenn es der Schule nicht im Bunde mit dem Hause ge 
lingt, daß die Kinder sittlich etwas werden, so ist der Religionsunterricht umsonst. 
Was man von der Predigt gesagt hat, das gilt von der Religionsstunde auch. Jede 
ist nur so viel werth, als sie wirkt. Ja auf den Standpunkt kommt alles an. 
Nur vom Centrum aus, also nur vom Herzen Gottes aus (denn daß wir göttlich ge- 
sinnet, daß unser Herz mit seinem Herzen eins wird, darin eben besteht der neue Bund) 
kann man die ganze Wahrheit überschauen. Da nun aber der Weg von Glauben in 
Glauben geht, so giebt es auch, so zu sagen, geringere Glaubenshöhen. Nennen wir 
auch das schon eine solche, wenn ein Kind auch nur dahin gekommen wäre, ein Gebot 
Gottes um Gottes willen, ihm zu Liebe halten zu wollen. Jedenfalls wird ihm als 
bald von da aus ein hellerer Blick in die Wahrheit gegeben werden. Ja, man wird 
sehr bald das erwachende Leben seines innern Menschen an seinem Aufmerken, an seinem 
klarer werdenden Urtheil, an seiner gesammten Denklust merken. — Wer zu viel verlangt, 
wird wenig erreichen. Es gilt das auch von dem Umgang mit Ewachsenen. Auch 
hier dürfte es sich am meisten und überall empfehlen, nach pädagogischen Principiell, 
d. h. einfach im Geiste der wahren Liebe zu verfahren, die ja zugleich die Lehrerin, 
der Quell aller wahren erziehenden Weisheit ist. Die Liebe vermag es eben, sich aus deu 
Standpunkt des Andern zu versetzen. Wie hat Christum des Volks gejammert, wie 
hat er ihr Elend d. i. doch auch ihre intellectuelle Beschränktheit und Verdunklung, 
empfunden, wie hat er, nicht bloß einmal, da er vom Himmel in die Welt, sondern, 
in der Welt lebend, fort und fort sich herabgelassen! Man muß, so wahr man auf 
der Glanbenshöhe steht, auch so viel Liebe und Selbstverleugnung haben, einzusehen, 
daß ein Andrer, der eben geistig noch einen so ganz andern Standpuntt einnimmt, die 
Welt und das Reich Gottes nicht mit demselben Auge, wie wir, ansehen kann. Also 
muß man ihm seine eigene Anschauung und sein Urtheil auch nicht ohne wetteres auf 
drängen wollen. Versuche es, sie zu dieser Höhe allmählich heranzuleiten! Bringe sie, 
mit Gottes Hülfe, ohne viel Belehrung, durch einfaches Leuchtenlassen deines Lichtes, also 
nach der Methode Christi, dahin, daß sie den ersten Schritt Gott entgegenthun. 
Dann eben werden sie mit eignen Augen sehen lernen, so wie man das Reich Gottes 
sehen lernt, wenn man darin ist (Joh. 3) und je mehr ihr Weg ein Weg Gottes 
wird, je mehr werden sie ihn finden lernen. Ihr Glaube wird dann kein angepredigter 
und auswendig gelernter (so, wie man „den Glauben" aufsagt), sondern ein inwendig 
gelernter und darum desto fester gewurzelter sein, ein Glaube, der eben unsre fernere 
Belehrung und Anleitung immer mehr überflüssig macht (wie ja der Lehrer das höchste 
Ziel erreicht hat und wahrhaft beneidenswerth ist, dem es gelungen, sich selbst entbehr 
lich zu machen), weil sie, wie jene Samariter zu dem Weibe, sprechen: Wir glauben 
hinfort nicht um deiner Rede willen, wir haben selbst gehört und erkannt, daß dieser 
ist wahrlich Christus, der Welt Heiland. — 
Der Verfasser des vorstehenden Aussatzes, Herr Pastor Weber in Wupperfeld-Barmen, ist 
Herausgeber eines Wochenblattes, in welchem er nach den oben angeführten pädagogischen Grund 
principien die biblischen Wahrheiten zu entwickeln bemüht ist. Ein Prospect liegt dieser Nummer 
bei. Wie wir seiner Zeit das Blatt mit Freuden begrüßt und stets gern gelesen haben, so 
können wir es den verehrten Collegen zur eignen Anschaffung wie zur Verbreitung in den Ge 
meinden nur bestens empfehlen. Soll der Religionsunterricht die ihm gebührende Stelle ein 
nehmen, soll seine ganze bildende Kraft den Kindern zu gute kommen, so muß in erster Linie 
von uns erkannt werden, daß das Christenthum durchaus ethischer Natur ist, und wir werden 
gewiß jede Hülfsleistung dankbar willkommen heißen, die da bestimmt ist, diese Erkenntniß zu 
fördern. Und das will Herr P. Weber, indem er seinem Blatt die Aufgabe stellt „die Offenbarung 
Gottes und die Geschichte desselben als die heiligste Seelenpädagogie zu erkennen und sie unter 
diesem Gesichtspunkte immer tiefer verstehen zu lernen." H.
	        

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