Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 16.1872 (16)

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i. Abtheilung. Abhandlungen. 
Die Vermuthung, daß auf dem sprachlichen Gebiet irgendwo etwas nicht im 
Reinen fein muffe, drängt sich schon dem flüchtigen Blicke durch mancherlei 
Thatsachen auf. 
Dahin gehört erstlich die lange Reihe wunderlicher Wandlungen, welche 
der Sprachunterricht durchgemacht hat; — die des Leseunterrichts nicht zu ver 
gessen. Dahin gehört ferner die unruhige Geschäftigkeit, welche aus dem 
Felde der sprach-methodischen Schriftstellerei auch heute noch herrscht. Ueber kein Lehr 
fach der Volksschule ist mehr geredet und geschrieben worden als über den deutschen 
Sprachunterricht, und doch bringt der Buchhandel von Monat zu Monat immer 
wieder neue Leitfäden, Uebungsbücher u. s. w. Hier haben wir offenbar eine 
litterarische Ueberproduktion, — wenn auch vielleicht nicht in dem (wirthschaft- 
lichen) Sinne, daß das Angebot die Nachfrage übersteigt, so doch gewiß in dem 
Sinne, wie die Staatsmänner von einer Ueberproduktion in der Gesetzfabrika 
tion zu sagen pflegen, daß sie kein gesundes Zeichen sei. Was auch immer bei 
dieser litterarischen Vielgeschäftigkeit mitwirken mag, — jedenfalls steckt auch 
das Gefühl dahinter, die didaktische Theorie sei im Sprachunterricht noch un 
sicher, und darum dürfe man der Kritik gegenüber schon Etwas wagen. — Die 
selbe Unsicherheit offenbart sich auch in den Conserenz-Verhandlungen. 
Wenn dort auf den Sprachunterricht die Rede kommt, so läßt sich nicht selten 
das vielstimmige Bekenntniß hören, bei den bisherigen Ergebnissen der sprach- 
unterrichtlichen Arbeit könne man nicht ruhig sein, — und Diejenigen, welche 
sich am angelegentlichsten um dieses Lehrfach bekümmert haben, sind nicht die 
letzten, welche so reden. Da gibt es — sagen sie — Schulen, wo der Sprach 
unterricht ausnehmend planmäßig und eifrig betrieben wird: alle Stufen besitzen 
ihre sprachlichen Uebungsbücher, und diese werden mit Fleiß und Sorgfalt 
durchgemacht. Sie zeigen allerdings ein erfreuliches Resultat, nämlich in der 
Sprachrichtigkeit — genauer in der Schreibrichtigkeit. Allein das ist eben 
ein einseitiges Resultat; denn wenn man die Sprachfertigkeit und das Sprach- 
verständniß Prüft, so findet sich kein Vorsprung vor andern guten Schulen, 
wo auf aparte Sprachrichtigkeits - Uebungen weniger Gewicht gelegt wird. Im 
Gegentheil, man trifft in den letzteren durchweg mehr Sprachgewandtheit au, 
wobei dann ein größeres Sprachverständniß schon ohne Weiteres vorausgesetzt 
werden kann. In solchen Schulen, wo bloß Brouillonarbeit getrieben wird, 
fehlt es natürlich auf allen Seiten, — von ihnen ist überhaupt nicht zu reden. 
— Wohin sollen wir uns nun wenden? Ist die Sprachrichtigkeit und insonder 
heit die Schreibrichtigkeit — wonach jene erstgenannten Schulen vornehmlich 
trachten — so wichtig, daß man sie auf Kosten der Sprachgewandtheit und des 
Sprachverständnisses erkaufen darf? Und sollten sich die letzteren Ziele nicht er 
reichen lassen, ohne daß die Sprachrichtigkeit zu kurz zu kommen braucht? — 
So die Stimmen aus der praktischen Erfahrung. 
Was ist das? — So viele Wandelungen und doch noch keine Stetigkeit; 
so viele Rathschläge und doch so große Unsicherheit; so viele Lehrstunden von 
unten auf und doch kein allseitig beruhigendes Ergebniß, — und das in einem 
Lehrfache, welches unter allen das älteste ist. Kann man sich da der Vermuthung 
erwehren, daß der Sprachunterricht irgendwo an verborgenen Haken festhange?*) 
*) Zu diesem kritischen Ergebniß kommt auch die treffliche Schrift: „Die Sprachun 
terrichtsnotb in unsern deutschen Volksschulen, nebst einigen Mitteln zu deren Abhülfe,
	        

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