Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 16.1872 (16)

Der naturkundliche Unterricht in der Volks- und Bürgerschule. 
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Doch das nur beiläufig. Ob das Gefühl der Unsicherheit wirklich so weit 
verbreitet ist, wie jene Thatsachen anzudeuten scheinen, oder ob man allerwärts 
auf einem unzweifelhaft richtigen Wege zu sein glaubt, — das eine wie das 
andere soll auf unsere Untersuchung keinen Einfluß üben. Sie wird, wie ich 
meine, aus Hellen Gründen erweisen, daß der dermalige Sprachuutrricht, wie 
viel auch daran verbessert sein mag, noch au mehreren schlimmen Fehlern leidet. 
Es sind ihrer vornehmlich drei. Sie hängen der Reihe nach mit den drei 
Stücken zusammen, wovon in der Methodik des Sprachunterrichts die Rede sein 
muß. Bevor dieselbe sich daran geben kann, die einzelnen Uebungen zu bestim 
men, muß sie nämlich folgende drei Hauptfragen ins Reine bringen: 
1. Welches ist die rechte praktische Rangordnung der drei Lehrziele (der 
drei Seiten der Sprachkunst)? 
2. Welches ist die rechte praktische Rangordnung der Sprachorgane 
(Mundsprache: und Schriftsprache)? 
3. Welches ist das rechte Verhältniß des Sprachunterrichts zum Sach- 
unterricht? 
Die bisherige Sprachmethodik ist an diesen Hauptfragen theils gänzlich 
vorbeigeeilt, theils nur höchst unzulänglich darauf eingegangen. Das sind ihre 
Hauptschulden. Hieraus, nicht aus der oder jener Einzelverirrung (wie 
Grammatisiren u. s. w.), stammt ihr Mißgeschick. Wer bei einem Unterneh 
men die Hauptfragen nicht sieht oder liegen läßt, der ist aus der rechten Bahn 
schon heraus, bevor die Arbeit begonnen hat. 
Es ist zwar eigentlich nur der dritte Fehler, um deßwillen hier (beim 
Realunterricht) vom Sprachunterricht die Rede sein mnß. Da sich derselbe je 
doch in der Praxis nicht gründlich verbessern läßt, wenn nicht vorher die beiden 
andern gehoben sind, so müssen diese wenigstens kurz mitberührt werden. 
1. Der erste Fehler. 
Derselbe liegt in einer verkehrten Rangordnug der drei sprachli 
chen Lehrziele (der drei Stücke, welche zusammen die Sprachbildung ausma 
chen): Sprachfertigkeit, Sprachverständniß und Sprachrichtigkeit. 
Genauer gesagt, darin: daß über der großen Sorge für die Sprachrichtigkeit die 
Sprachfertigkeit zu sehr vernachlässigt wird. 
Zuvörderst wird mir obliegen, die rechte Rangordnung zu zeigen und zu 
rechtfertigen. 
Alle drei Ziele sollen in ihrem Maße, d. i. nach Möglichkeit, erstrebt 
werden, — das ist gewiß. Ich behaupte aber, daß unter ihnen in der Praxis 
eine Rangordnung beobachtet werden muß, nämlich die, daß der Sprachfertigkeit 
(und dem Sprachverständniß) bedeutend mehr Zeir gewidmet werden muß als 
der Sprachrichtigkeit. Der vollständige Beweis für diese Behauptung läßt sich 
hier nicht beibringen, weil dazu psychologische Untersuchungen über die Natur 
der Sprache und über ihren Einfluß auf die Bildung erforderlich sein würden. 
Doch kann ich die Gründe wenigstens andeuten. 
von K. W. Frech, Mittelschullehrer in Freudenstadt (Württemberg), — auf die Hr. Prof. 
Hülsntann jüngst.in d. Bl. aufmerksam gemacht hat. Ich kann diese Empfehlung nur unter, 
stützen. Meine positiven Vorschläge sind zwar wesemlich anders als die des Hrn. Frech 
aber seine Kritik kommt der meinigen stattlich zu Hülfe. 
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