Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 16.1872 (16)

Beilage zum Evangelischen Schulblatt. 
Deutsche Schulzeitung. 
Mitte Oktober 1872. 
Correspondenzen. 
Aus Ostpreußen. 
„Vorwärts geht es im Schulwesen unserer Provinz. Wer das leugnen wollte, 
kann entweder nicht sehen oder verschließt absichtlich seine Augen." So äußerte 
ich neulich gegen einen befreundeten Kollegen. 
„Aber immer langsam voran," entgegnete er, „fast zum Verzweifeln langsam; wie 
mit der Hebung des äußern Wohlstandes, so mit der des geistigen." 
„Was wollen Sie? Meinen Sie, daß es in andern Provinzen ungleich besser 
vorwärts gehe, als bei uns? Hat irgend eine andere in den letzten Decennien einen 
verhältnißmüßig so bedeutenden Bevölkerungszuwachs aufzuweisen, wie die unsrige? Die 
Einwohnerzahl unserer Provinz ist ja in den letzten HO Jahren um mehr als V/z 
Mlll. gestiegen. Will das nicht etwas sagen?" 
„Ja etwas, aber nicht viel; zunial es im letzten Jahrzehnt auch in dieser Hinsicht 
merllich schwächer ergangen ist als vorhin. Die großen Städte sind allerdings, wie 
auch anderwärts, gewachsen; aber die kleinern sammt der Landbevölkerung sind sehr zu 
rückgeblieben. " 
„'Ich bitte zu bedenken: Cholera, Krieg, Mißwachs, Hungersnoth." „Ist aller 
dings auch in Anschlag zu bringen. Doch halten wir uns nicht an die Oberfläche, 
schauen wir tiefer hinein! Schauen wir zu allernächst etwas genauer unsere Mitarbeiter 
auf dem Gebiete der Schule an. Was denken, was reden, was schassen sie? Sind 
hier nicht allerhand faule, bedenkliche Zustände vorhanden? Neulich sagte mir einer unserer 
höhern Schulbeamten: Mit der Schullneisterei bei uns in Preußen ivird es bald auf 
hören. Die Lust zum Lehramte nimmt auffallend ab. Die Seminare werden bald 
mehr Lehrer als Zöglinge haben. Zur Zeit sind es noch die lieben Frauen, die ge 
nügsamen, anspruchslosem, von denen die Rede geht: sie können uns (insbes. unsere 
Schulmeisteret) noch retten. Im vergangenen Jahre haben nicht weniger als 148 junge 
Damen die Prüfung als Lehrerinnen bestanden und sind größtentheils in Schulstellen, 
namentlich in Städten, placirt worden. Ist das zu- oder abnehmendes Licht? Dazu 
das Widerstreben so vieler Gemeinden, wenn es sich um Schulverbesserungen handelt. 
Entschieden abnehmendes Licht!" 
„Ich sage: Schwarzseherei das! Mit der Anzahl der Schulamtsaspiranten sieht 
es in der That nicht so schlimm aus. In jedem der evangel. Seminare unserer Pro 
vinz haben sich ja im vergangenen Jahre c. 50 Exspectanten eingefunden. Drei 
derselben, Waldau, Pr. Eylau und Königsberg, sind nahe beisammen, nur 2 resp. 5 
Meilen von einander entfernt, und doch hat es in keinem derselben an Präparanden gefehlt."
	        

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