Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 18.1874 (18)

Zur Lesebuchfragt. 
193 
pädagogischen Gebiete nicht zum wenigsten Bestätigung finden. Jetzt aber, nach 
dem die pädagogische Theorie den rechten, geraden Weg vorgezeichnet hat, jetzt 
gilt es, für die verschiedenen Klassenstufen von unten bis oben hinauf die für 
dieselben geeigneten realistischen Stoffe in guten Lesestücken zu verarbeiten. Frei 
lich wird das Vollkommene nicht sogleich erreicht werden, aber das darf nicht ab 
schrecken. Es würde ungerecht sein, wenn man um der Mängel willen, welche 
der Ausführung noch anhaften werden, sofort das Kind mit dem Bade aus 
schütten d. i. die richtigen Grundsätze mit verwerfen wollte. So mag es bei 
spielsweise wohl vielfach den „Geschichten aus der Geschichte" ergangen sein, durch 
welche der sel. Lehrer Kappe der Schule einen so guten Dienst geleistet hat. Wo 
sind denn die, welche ernstlich daran gegangen sind, die bessernde Hand anzulegen? 
Ihre Zahl mag verschwindend klein -gegen die Zahl derjenigen sein, welche darüber 
kurzweg abgeurtheilt haben. 
Die Arbeit, welche geschehen muß, ist sehr wichtig. Welch ein reger Wett 
eifer müßte entstehen, wenn das genügend erkannt würde! So lange die Schulen 
nicht mit den geeigneten Lesebüchern für den realistischen Unterricht ausgestattet 
sind, kommt weder dieser noch der Sprachunterricht in rechten Schwung. 
Was so innig zusammenhängt wie Sache und Sprache, das soll nicht ge 
schieden werden. Haben die Schulen im Allgemeinen bisher in sprachlicher Hin 
sicht noch nicht das Wünschenswerte erreicht, so werden sie es noch weniger 
können, wenn sie den Realunterricht — und wäre es auch aus den verschiedenen 
Zweigen nur wenig — als eine neue Last sich aufbürden. Aber sie werden es 
können, wenn der Realunterricht zugleich als Zug- oder Triebkraft für den Sprach 
unterricht wirksam gemacht wird.. Und dazu kann das gedruckte Lehrmittel vor 
zügliche Dienste thun, wenn es zweckentsprechend eingerichtet ist. 
Man muß fast fürchten, daß die nächste Zeit wieder eine große Menge sog. 
Leitfäden bringen wird, welche die Stoffe nicht in ausgeführten Lesestücken, son 
dern nur abgerissen, in Worten oder kurzen Sätzen angedeutet, enthalten. Ich 
weiß sehr wohl, was zur Rechtfertigung (oder Vertheidigung) derselben angeführt 
werden kann. Sie nöthigen den Lehrer, die Stoffe frei und ausführlich den 
Schülern vorzuführen. Im Uebrigen sollen ja die Lesebücher „durch mustergültige 
Charakterbilder zur Belebung, zur Anschaulichkeit und Verklärung der realistischen 
Disciplinen beitragen." Wohl! aber für die Einprägung der mündlich behandelten 
Stoffe sind die compendiarischen Leitfäden sehr wenig und die sog. Charakterbilder 
gar nicht geeignet. Die rechte Unterstützung hierfür bieten nur regelrecht angelegte 
Real-Lesebücher, welche die für die verschiedenen Stufen im Lehrplan festgesetzten 
Stoffe in wohl berechneten Lesestücken enthalten. 
Nimmt die mündliche Vorführung des Lehrstoffes zumeist die Activität des 
Lehrers in Anspruch, so ist das Einprägen eine Arbeit, welche die Schüler zu 
meist selbst besorgen können, und zwar kann dieselbe theilweise in der Schule 
unter Beihülfe des Lehrers, theilweise aber und mitunter ganz selbständig von 
den Schülern zu Hause geleistet werden. Dazu genügen aber weder die kurzen 
Andeutungen der Leitfäden — ich möchte sie fast mit einer noch nicht genießbar 
zubereiteten Speise vergleichen -— noch die sog. Charakterbilder — sie sollen ja 
ausgesprochener Maßen mehr nur eine angenehme Zuspeise sein. 
Wie müssen aber die realistischen Lern- und Lesestücke beschaffen sein? Mit 
dieser Frage denke ich in einem zweiten Artikel im Anschluß an den zweiten 
Hauptsatz der Berner Schulsynode mich zu beschäftigen. —n. 
9*
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.