Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 18.1874 (18)

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Deutsche Schulzeitung. 
lingen waren 109 Schneider, 21 Schuhmacher, 5 Tischler, 4 Weber, 4 Radmacher, 
2 Bäcker, 2 Schlaffer, 2 Papiermüller, 2 Tuchmacher, 2 Kürschner, 2 Handschuh 
macher, 2 Kaufleute, 2 Brauer, 1 Knopfmacher, 1 Goldschmied, 1 Tabacksspinner, 
1 Chirurgus, 1 invalider Soldat rc. und nur 69 Nichtprosesflonisten. Dies Ver 
hältniß wurde nach den Freiheitskriegen ein ganz anderes; denn von den 1816—29 
eingetretenen 203 Seminaristen waren nur noch 20 Handwerker. Von da ab steht 
die Rubrik „Gewerbe" fast ganz leer. 
Genge und Menschen scheuten keine Opfer, um die junge Anstalt zu heben. 
Letzterer ertheilte nicht nur den Unterricht unentgeltlich, sondern gab noch zum bessern 
Unterhalt der Zöglinge und zur Uebung im Acker- und Gartenbau ein beträchliches 
Stück seines Pfarrlandes her, das er mit großen Kosten hatte urbar machen lassen. 
G. unterstützte fort und fort durch für die damalige Zeit sehr beträchtliche Geld 
summen die Anstalt, so daß bald pro anno 16 Seminaristen unterhalten werden 
konnten. Die Zöglinge blieben 1 bis höchstens 2 Jahre in dem Seminar und 
wurden ohne besonderes Abgangsexamen auf das Zeugniß Meuschens hin in Land 
schulen angestellt. Nachdem diese beiden edeln Männer bald hintereinander mit Tode 
abgegangen waren, kamen trübe Zeiten über unser Vaterland und auch über ihre 
Stiftung. Nach der Schlacht bei Pr. Ey lau 1807 konnte der Erbpächter des 
Gutes L. keine Pacht mehr zahlen, und es mußten die letzten 8 Zöglinge auf un 
bestimmte Zeit entlassen werden. Im Jahre 1816 kam wieder ein sehr rüstiger, 
für die Volksschule begeisterter Mann, namens Riedel, in das Dexener Pfarramt. 
Er war durch Zeller und Pestalozzi angeregt worden. Unter ihm nahm die 
Anstalt einen neuen Aufschwung, zumal da in demselben Jahre auch Dinier, der 
bald mit R. auf's innigste befreundet wurde, als Schul- und Consistorialrath nach 
Königsberg versetzt worden war. In den Akten des Seminares sind noch viele 
Briefe, die Dinier an Riedel geschrieben, aufbewahrt, und es ist wahrhaft erquicklich, 
darin zu lesen, wie große Freude beide an der Sache der Volksschulbildung hatten, 
wie einsichtsvoll und opferwillig sie dieselbe leiteten. Viele Briefe des „alten Din 
ier" schließen mit den Worten: „Vivat hoch, Seminarum, Schulwesen und Volk! 
Vivat hoch! Ihr alter Dinier." Der Etat des Seminars wurde durch Dinters 
Bemühen auf 2620 Thlr., und die Zahl der Zöglinge auf 32 erhöht. 
Kurz vor der Ankunft Dinters war durch den Pfarrer Milsch das Neben 
seminar in dem l x /2 Ml. von Pr. Eylau gelegenen Kirchdorfe Mühlhausen ge 
stiftet. Es ist das der Ort, in dessen Kirche Luthers Tochter Magarethe, 
verehelichte v. Kunheim, beigesetzt ist. Milsch schreibt in einem Berichte: „Die 
Schulstuben in meinem Kirchspiele waren eher einem Stalle, als einer Menschenbil 
dungsanstalt ähnlich; die Frauen und Kinder der Lehrer trieben in demselben mit 
Wiege, Spinnrocken, Webestühlen rc. mehr ihr Wesen, als die Lehrer. An Lehr 
mitteln war gänzlicher Mangel; den Lehrern fehlte es an Geschicklichkeit, die Jugend 
zweckmäßig zu unterrichten, ungemein. Das Ganze konnte mich nur mit tiefstem 
Mitleid erfüllen und mich fest bestimmen, mit Hinblick und Vertrauen auf Gott, 
mit Anstrengung meiner Kräfte und Darbringung der nöthigen Opfer an's Werk 
der Verbesserung der Schulen zu gehen." Er besuchte seine sämmtlichen Schulen 
fast täglich und unterrichtete in der Kirchschule selbst viel. Zunächst bildete er den 
Sohn seines Organisten und den Sohn seines Glöckners für das Lehrfach aus. Seit 
dem Jahre 1811 hatte seine Anstalt stets 6 — 8 Zöglinge, an denen er mit auf 
opferndster Treue arbeitete. Mit besonderem Danke erinnert sich auch der Referent 
des wackern Milsch, da dieser auch der Bildner seines Vaters gewesen ist.
	        

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