Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 18.1874 (18)

Eröffnung des Seminars zu Ottweiler. 
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gründet worden. Wir freuen uns mit Recht dieser „Gründung", da sie sich schon 
längst als ein unabweisbares Bedürfniß geltend gemacht hatte. Denn angesichts der 
zahlreichen neuen Schulclassen, die allerorts, ganz besonders aber in den industriellen 
Kreisen der Provinz wie die Pilze aus feuchtem Erdreich hervorgesproßt sind, haben 
Angebot und Nachfrage in Betreff ordnungsmäßig vorgebildeter Lehrer schon seit 
einer Reihe von Jahren sich einander nicht mehr die Wage gehalten. Die bis jetzt 
bestehenden Seminare der Provinz waren nicht im Stande, den gesteigerten Bedarf 
an Lehrern auch nur annähernd zu decken. Es ist nur zu bekannt, welch traurige 
Mißstände dadurch in manchen Schulgemeinden, die sich im besten Falle mit völlig 
ungenügenden Lehrkräften zu helfen suchten, herbeigeführt worden sind. Doch sei es 
ferne von uns, in unfruchtbare Klagen über diese Misere auszubrechen. Die Tages 
blätter, berufene wie unberufene, haben daraus, je nachdem es ihr besonderes Partei- 
Interesse erheischte, reichlich Kapital geschlagen. Hegen wir vielmehr die Hoffnung, 
daß unser Staat, der die Kraft hat, wichtigere Fragen zum Austrag zu bringen, 
den Willen und die Mittel besitzt, auch auf diesem Gebiete die nothwendige Abhülfe 
zu schaffen, und dazu bietet ja die Errichtung obiger Anstalt aufs Neue den 
sprechendsten Beweis. 
Eigentlich hat das Ottweiler Seminar eine lange Vorgeschichte. Die Verhand 
lungen über dasselbe, die zwischen den betreffenden Behörden gepflogen wurden, haben 
nahezu ein volles Decennium in der Schwebe gehängt, ehe sie zum vollen Abschluß 
gelangten. Bekanntlich interessirte sich die Königliche Regierung zu Trier auf das 
lebhafteste dafür, die neue Anstalt in ihren Bezirk gelegt zu sehen, und nachdem es 
ihr durch zähes Festhalten an dieser Forderung gelungen war, die Concurrenz-Orte 
des Coblenzer Bezirks: Sobernheim, Meisenheim, Simmern, Wetzlar u. a. siegreich 
ans dem Felde zu schlagen, konnte die Wahl zwischen Ottweiler und Baumholder, 
welche sie als die beiden geeignetsten Seminarorte ihres Bezirks bezeichnete, nicht 
schwer werden. Das Ministerium entschied für ersteren Ort. Die Absicht jedoch, 
das bisherige Hülfsseminar zu Trarbach, das in der neuen Anstalt aufgehen sollte, 
nunmehr sofort aufzulösen und mit der Aufnahme des ersten Cursus in Ottweiler 
in der Weise vorzugehen, wie es in Hilchenbach, Mettmann u. a. O. geschehen ist, 
mußte aufgegeben werden, da es vorläufig an geeigneten Räumlichkeiten für provi 
sorische Lehr- und Uebungszimmer gebrach, und so mußte im Herbste 1871 nochmals 
ein Cursus in Trarbach aufgenommen und die Existenz dieser Anstalt um zwei Jahre 
verlängert werden. Mittlerweile aber hatten die nothwendigen Räume für die pro 
visorische Einrichtung in Ottweiler beschafft werden können. Das Königliche Provin- 
zial-Schulcollegium zu Coblenz glaubte schon mit Oktober 1873 den Anfang daselbst 
machen zu können; es erwirkte daher den Schluß des Trarbacher Seminars, der sich 
denn auch mit der Entlassungsprüfung im September vorigen Jahres dort vollzog. 
Dem bisherigen Dirigenten desselben, Herrn Superintendenten F. zu Trarbach, der 
die Anstalt seit ihrem Bestehen vom 12. April 1855 an mit opferwilliger Treue 
und großer Umsicht geleitet, sowie dem während der gleichen Zeit daran thätigen 
Lehrer, Herrn Cantor M., wurde in Anerkennung ihrer langjährigen, verdienstvollen 
Arbeit durch den Commissarius des Provinzial-Schulcolleginms, Herrn Regierungs 
und Schulrath Stiehl, der Dank der Behörde in ehrenden Worten dargebracht und 
sie von ihren bisherigen Dienstobliegenheiten am Seminar entbunden, während dem 
ausschließlich der Anstalt angehörigen Seminarlehrer D. eröffnet wurde, seiner dem- 
nächstigen Berufung nach Ottweiler gewärtig zu sein, die ihn vorläufig damit be 
trauen werde, die noch brauchbaren Utensilien, Lehrmittel und Bücher des aufgelösten
	        

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