Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 18.1874 (18)

Beilage zum Evangelischen Schulblatt. 
Deutsche Schulzeitung. 
Anfang Dezember 1874. 
Zum Rechenuuterricht. 
Wie auffällig es auch auf den ersten Blick erscheinen mag, dennoch ist es 
buchstäblich wahr, daß durch die Einführung der neuen Maß-, Gewichts- und 
Münzordnung die Dezimalbruchrechnung für den Bedarf der Volks 
schule nahezu überflüssig geworden ist. 
Man pflegte bisher die Dezimalrechnung als einen Theil der Bruchrechnung 
anzusehen und sie auch als solche zu behandeln. Man ließ nämlich letztere 
vorausgehen und führte später die Schüler in die Dezimalrechnung ein, indem 
man von der Form der gewöhnlichen Brüche ausging. Etwa so: */io = 0,1; 
Vioo = 0,01; Viooo = 0,001 und lehrte dann: „Ein Dezimalbruch ist ein Bruch, 
dessen Zähler eine ganze Zahl und dessen Nenner eine Potenz von 10 ist. Eine 
Potenz ist ein Produkt aus gleichen Faktoren." 
Dieses Verfahren konnte früher eine Berechtigung haben.- Denn die Bruch 
rechnung war das Wichtigere und mußte zunächst vorgenommen werden. In 
sehr vielen Fällen mochten die Dezimalbrüche überhaupt nicht an die Reihe 
kommen; wo sie aber behandelt wurden, lag es nahe, die Belehrung an die ge 
wöhnliche Bruchrechnung anzuknüpfen und vielfach auf dieselbe Bezug zu nehmen. 
Immerhin erschwerte die abstrakte Behandlung der Dezimalbrüche den Schülern 
das Verständniß. 
Wenn auch jetzt noch, nachdem das Dezimalrechnen in das gewöhnliche 
Leben eingeführt ist, das frühere Verfahren genau beibehalten wird, so ist dies 
nicht der Sachlage entsprechend. Wenigstens muß man sagen, daß das Lernen 
dadurch unnöthiger Weise schwer gemacht wird. Das Nachdenken darüber, wie 
die Sache in elementarer Weise anzugreifen ist, führt auf einen viel be 
quemeren Weg. 
Ich rede jetzt nicht davon, welche Betrachtungs- und Behandlungsweise auf 
der Oberstufe zulässig oder nützlich sein kann: das Wichtigere ist, zu zeigen, in 
welcher Weise die Schüler schon auf der Mittelstufe ohne viele Umstände und 
Beschwer in das Ganze der Dezimalrechnung nach und nach einzuführen sind. 
Und da liegt es, wie die Sachen jetzt stehen, sehr nahe, die Dezimalzahlen über 
haupt nicht mehr als Brüche, sondern als Ganze anzusehen. 
Ich will das in Kürze zu zeigen suchen. Setzen wir voraus, daß die 
Schüler schon die 4 Rechnungsarten mit Mk. und Pfg., Mt. und Ctm., Faß 
und Liter, Ctr. und Pfd. geübt haben, was ja schon früh, vielleicht am besten 
gleich in Verbindung mit dem Rechnen in unbenannten ganzen Zahlen, ge 
schehen kann, indem die Reduktion keine Schwierigkeiten darbietet. 
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