Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 22.1878 (22)

Evangelisches Schulblatt. 
Infang Juli 1878. 
I. Abtheilung. Abhandlungen. 
Offenes Schreiben an Lehrer und Schulfreunde. 
Von Dr. T. Ziller, 
Prof, der Philosophie an der Universität zu Leipzig und Direktor des pädag. Seminars für 
höhere Schulen. 
Hochgeehrter Herr! 
Nach meiner Auffassung haben Pädagogik und Schulwesen noch niemals in 
einer größeren Gefahr geschwebt als gerade jetzt. Die herrschende Zeitrichtung, 
die Gesetzgebung, die Tagesliteratur drängen dahin, das, wofür seit den Tagen 
der Reformation die hervorragendsten Männer auf dem Gebiete der Pädagogik 
und des Schulwesens in Deutschland thätig gewesen sind, völlig preis zu geben: 
in den Schulen, die zugleich Stätten für die Pflege des Gemüths und des Cha 
rakters sein müssen, soll nicht mehr das Ganze des Unterrichts durch einen ein 
heitlichen sittlichreligiösen Geist getragen werden, der den Unterricht erst zu einem 
erziehenden d. i. zugleich Gemüth und Charakter bildenden macht; die Schulen 
sollen sich statt dessen rücksichtlich des Unterrichts in ein Conglomerat von isolirten 
Fachschulen auflösen, die nur fachwissenschaftliche Kenntnisse, wie sprachliche, 
mathematische, geschichtliche, naturwissenschaftliche, zu lehren hätten, und eben des 
halb auch möglichst genau im Anschluß an den logischen Gang und die Ordnung 
der einzelnen Fachwissenschaften. Das Lehrbuch, das blos gedächtnißmäßigc 
Lernen, das Wissen für das Examen stehen dann z. B. nothwendig im Vorder 
gründe des Unterrichts. Soll dagegen der Unterricht einen Einfluß auf Gemüth 
und Charakter haben, soll er also zugleich das Nachdenken und einen idealen 
Sinn wecken, soll er ein nachhaltiges Streben, an den Aufgaben der Gesellschaft, 
der Wissenschaft, der Cultur einmal mit Erfolg mitzuwirken, erzeugen und den 
Lernenden für die Dauer seines Lebens an die Schule und das durch sie Ge 
wonnene fesseln, so müssen zur Aneignung aller fachwissenschaftlichen Kenntnisse 
und Fertigkeiten die psychologischen Wege eingeschlagen werden, d. i. ähnliche 
Wege, wie sie beim Entstehen der einzelnen fachwissenschaftlichen Zweige wirklich 
eingeschlagen worden sind. Unsere fachwissenschaftlichen Systeme müssen folglich 
psychologisch umgebildet, sie müssen in Schulwissenschaften verwandelt werden. 
Aber an eine solche psychologische Durchbildung des Unterrichts, an die Ausbil 
dung der Schulwissenschaften, die einen eigenthümlichen, selbständigen Werth im 
Verhältniß zu den Fachwissenschaften haben, ist nicht mehr zu denken, wenn in 
unsern Schulen für die frühe Jugend nur der logisch-fachwissenschaftliche Unter- 
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