Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 22.1878 (22)

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I. Abtheilung. Abhandlungen. 
so wichtige Punkt selbst in Familien übersehen, die auf den Namen „christliche" 
Anspruch zu machen haben. Es sind damit die Familien gemeint, in welchen 
bei der Erziehung der starke und eifrige Gott, vor dem wir uns fürchten sollen, 
fern gehalten und in welchen nur von dem liebenden und gnädigen Gott ge 
redet und nicht bedacht wird, daß die Stufe christlichen Lebens, auf welcher der 
Christ den „starken und eifrigen" Gott nicht mehr fürchtet, andere Stufen zur 
Voraussetzung hat. die bei der Erziehung beachtet sein wollen. Viele 
finden die Thatsache, daß aus „gläubigen" Familien nicht selten recht glaubens 
arme, ja sogar glaubenslose Glieder hervorgehen, unerklärlich. Der Schlüssel 
zur Erklärung dieser Erscheinung ist in dem Vorstehenden zum Theil gegeben. 
Wenn demnach von der Schule zu verlangen ist, daß sie ihren Schülern 
unter der Strenge des Gesetzes den gerechten und heiligen Gott recht fühlbar 
mache, so hat sie andererseits aber auch zugleich ihre Schüler auf die Erfahrung 
zu verweisen, wie sich bei aller Sünde in den Liebesthaten Gottes die Erwei 
sung seiner Gnade durch ihr ganzes Leben thatsächlich hindurchziehe. Führt 
die Schule ihre Schüler so auf die eigene Erfahrung zurück, so bewirkt sie, daß 
diese in dem „Das ist gewißlich wahr" nichts Erkanntes, sondern Erlebtes 
bekennen. 
Noch eines sei hier bemerkt. Es ist oben eine möglichst vollständige Be 
kanntschaft mit dem alten Testamente gefordert worden. Diese Forderung 
wird unten dahin erweitert werden, daß verlangt wird, es müsse zu jener auch 
noch die des neuen Testamentes kommen. Nach der vorstehenden Auseinander 
setzung bedarf diese Forderung einer weiteren Begründung nicht. Es wird nun 
freilich das Lesen der Bibel darum von Vielen namentlich jetzt für bedenklich 
gehalten, weil sie nach ihrer Ansicht Anstößiges enthalte, und das, was man 
als anstößig bezeichnet, wird dazu benutzt, ihre Göttlichkeit zu widerlegen und 
überhaupt ihren Werth in Zweifel zu ziehen. Die ihr diesen Vorwurf machen, 
sind aber eben solche, welche die Einwirkung des Wortes Gottes fern von sich 
halten, um durch dasselbe in einem Leben nach den Lüsten des Fleisches nicht 
gestört zu werden, und denen deshalb die Erfahrung für ihre Wahrheiten gänz 
lich fehlt. Wer dagegen ihren Inhalt in sich erfahren hat, der findet in ihr 
die Geschichte der Menschheit gegenüber dem Walten Gottes oder das, 
was die Menschheit that, dem gegenüber, was Gott an und für sie gethan hat. 
In der Menschheit aber erkennt er sein eigenes Bild und in dem Ver 
halten Gottes gegenüber der sündigen Menschheit sein Verhalten gegen 
ihn, den sündigen Menschen.*) 
Das aber hat die Schule beim Lesen im Auge zn behalten, daß sie an der 
Hand der Bibel ihre Schüler zu den bezeichneten Erfahrungen führen will. 
Je mehr sie ihre Schüler von diesem Standpunkte aus mit der Bibel bekannt 
macht, desto klarer wird bei ihnen die Erfahrung in das Bewußtsein treten, wie 
die in der Bibel dargestellte Geschichte der Menschheit zugleich die Geschichte des 
eigenen Lebens beschreibt und wie übereinstimmend Gottes Verhalten gegen jene 
mit seinem Verhalten gegen sie sei. Wenn die Schule dabei das vom Lesen 
ausschließt, was ihre Schüler in sich noch nicht erfahren haben, oder noch 
nicht erfahren sollen und können, so verfährt sie dann ganz pädagogisch. 
*) 2 Tim. 3, 16. 17. Alle Schrift von Gott eingegeben ist nütze zur Lehre, zur Strafe, 
zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit.
	        

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