Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 23.1879 (23)

Beilage zu« Evangelischen Schulblntt. 
Deutsche Schulzeitung. 
Mitte 3»»i 1879. 
Heuriges und Ferniges. 
68. 
Das Gefühl. 
Wir sind auf einer Reise, es ist der weiße Sonntag, wir treten in die 
Kirche, sie ist festlich geschmückt, denn heute findet die Konfirmation der Kinder 
der Gemeinde statt. In feierlichem Zuge treten dieselben still und ernst, geführt 
von ihrem Geistlichen und ihrem Lehrer, in das Gotteshaus. Wir freuen uns 
des Schmuckes von Laubwerk, mehr noch dieser Stille und Sammlung, die so 
oft bei den Konfirmanden auch in diesem Moment vermißt wird. Die Orgel 
thut ihr Möglichstes mit Präludium und hernach in der Begleitung der Wechsel 
gesänge. Die Rede beginnt. Wie ernst es der Geistliche nimmt, das sehen und 
hören wir ihm an. Er gehört nicht zu den trocknen oder gar herben Kraft 
menschen, sondern zu den weichen Gefühlsleuten. Seine Worte sind so innig, 
ja ihn selbst übermannt das Gefühl, daß es in seinen Augen glitzert. Als er 
aber auf diejenigen der Kinder zu reden kommt, die mit dem Schmerz der Trauer 
unter den übrigen weißgekleideten Konfirmandinnen abstechen, weil sie in der letzten 
Zeit die Eltern, Vater oder Mutter verloren hatten, da hätte man ihn bitten 
mögen: Mach's kurz und etwas trockner! Es blieb nicht unerwähnt, daß die 
Eltern in diesem Augenblick besonders liebend und segnend auf sie, ihre Lieblinge, 
herabblickten, daß die Kränze noch frisch dufteten, die den Theuren kindliche 
Dankbarkeit als letzte Gabe auf den aufgeworfenen Grabeshügel gelegt hat u. dgl. 
Bei diesen Worten durchzog die allgemeinste Rührung die Versammlung, nament 
lich die Reihen der Frauen, man hörte Schluchzen, und die Taschentücher kamen 
überall zum Vorschein. Dieser Moment war mir, dem mehr unbetheiligten 
Fremdling, peinlich, nicht an und für sich, sondern wegen der Reflexionen und 
Erfahrungen, die sich für mich daran knüpften. Was wäre auch hier zu tadeln 
gewesen? Eigentlich nichts, im Gegentheil war viel zu loben und anzuerkennen. 
Und doch störten mich meine weitern Reflexionen — und warum das? Ich dachte 
daran, daß sich ein unbestimmtes Gefühl durch viele Menschen zieht, wenn man 
gerührt worden sei und geweint habe, so habe man sich erbaut oder sei besser 
geworden. Wer aber gerührt ist, der ist zunächst doch nur berührt, etwa 
auf der Oberfläche, wobei der tiefere Herzensgrund des Menschen ziemlich un 
berührt bleiben kann. Einst kam mir eine Bauersfrau, der ich ein Büchlein 
mit einer lieblichen Erzählung gegeben hatte, und rühmte, beim Anhören der 
Geschichte habe ihre alte Base so sehr weinen müssen, „daß man die Hände 
darunter hätte waschen können." Man sieht, gar leicht wird das, was dem Blut, 
dem Temperament angehört, also physisch, höchstens seelisch ist, mit dem eigentlich 
innerlich Geistigen verwechselt und Ersteres auf die Rechnung des Letzteren ge 
schrieben. Darum, wie Jemand bei geistlichen Reden gemahnt hat: „Mißtraue 
15
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.