Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 23.1879 (23)

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Stimmen über den didaktischen Materialismus. 
sächlich im Schulstaub und Schulschweiß geboren, nicht etwa auS der Vogelper 
spektive herabblickend, geschrieben worden. Sollen hier aus unserm Erfahrungs 
berufe einige Beispiele als Belege zu Seinen Sätzen gewünscht werden, so stehen 
sie, in bunter Reihenfolge, wie sie uns eben kommen, zu Diensten. 
Frau Pf. 96. aus St. in Württemberg ging zu ihrer Erholung auf 14 Tage 
auf den Zavelstein; sie war auch vorher besorgt gewesen, daß ihre Kinder daheim 
wegen Nichtsthuns auf unnütze Gedanken kommen könnten. „Ich habe", sagte 
sie, oben angekommen, zu andern Gästen, „meinen Kindern während meiner Ab 
wesenheit die sieben Bußpsälmele auswendig zu lernen aufgegeben." 
— In der Synode S. war 1856 eine General-Kirchenvisitation, die gewiß 
manchen Segen gebracht hat. Auch eine große Conferenz aller evangelischen Lehrer 
der Synode wurde dabei abgehalten. Es kam auf den religiösen Lehr- und Lern 
stoff der bekannten Raumer'schen Regulative die Rede, die Lehrer wurden auf- 
gefordet, ihre Erfahrungen darüber auszusprechen. Ein älterer Lehrer, wohl weit 
aus einer der tüchtigsten und gewissenhaftesten, erklärte: des Stoffes ist zu 
gründlicher Durcharbeitung zu viel! Andere stimmten ihm laut oder leise zu. Was 
erklärte der Leiter der Conferenz, einer der angesehendsten Geistlichen der Provinz 
und — jedenfalls ein äußerst wohlwollender und redlicher Mann? Er gab zur 
Antwort: „Die Behörde hat es vorgeschrieben, es muß geleistet werden." Damit 
war alle und jede weitere Diskussion abgeschnitten. Es fiel uns dabei ein, wie 
einst ein Pastor aus Schlesien, der auf seiner Wanderung bis ins Elsaß gekom 
men war und dort in einer Kirche predigen sollte, ein Lied mit einer in der 
Gemeinde ganz unbekannten Melodie angab. „Die Melodie können wir nicht!" 
ließ sich der Vorsänger vom Orgelchor herab hören. „So singen Sie sie doch!" 
klang es wieder von unten aus des Pastors Munde zum Orgelchor hinauf. 
— Man kann sicher sein, daß dasjenige Schulobjekt, das in den jeweiligen 
Schulordnungen besonders betont wird, auch allemal dasjenige ist, an welchem der 
didaktische Materialismus sich am meisten versündigt. Jetzt trifft's die sogenannten 
Naturwissenschaften (der Name ist zu hoch für die Volksschule); vorher den reli 
giösen und biblischen Lehrstoff; vor 30 bis 40 Jahren war es in manchen Thei 
len der Rheinprovinz der preußisch-brandenburgische Geschichte. Wem fällt da 
nicht der arme Bauer ein, der bald rechts, bald links von seinem Esel fällt, je 
nachdem er den Sturz auf der entgegengesetzten Seite vermeiden will. 
— Ein Lehrer beschwert sich bei seinem Schulinspektor über die Ueberfüllung 
seiner Klasse. Das Jahr vorher hatte er 60, jetzt 70 Schüler. O, sagt der 
Vorgesetzte, wer 60 Kinder in guter Ordnung halten kann, bringt dies auch mit 
70 fertig, das sind ja nur 10 mehr. — Also auch wohl mit 80? fragt der Lehrer 
weiter. Warum nicht? ist die Antwort. Nun, dann werden auch weitere 10 
bis 90, und abermals 10 bis 100 ebenfalls keine Schwierigkeit bieten, eine 
Grenze giebt es dann überhaupt wohl nicht. Ich schweige, daß der betreffende 
Vorgesetzte, wo er selbst als Lehrer thätig ist und vielleicht 20 Schüler vor sich 
hat, auch diese nicht einmal bemeistert, sondern sich etwa nur von der vordern Bank 
beschäftigen läßt, während die Hinteren thun, was sie wollen. 
— In Realp zwischen Grimsel und Gotthard sprach ich dem Pater 
Kapuziner, der zugleich Gastwirthschaft hat, mein Bedauern aus über den geringen 
Bildungsstand der Bevölkerung der Gegend. „Das kann ich von meiner Pfarrei 
nicht sagen", versetzte der genügsame, ehrliche Pater, sie kennen Alle die zehn 
Gebote und die sieben Todsünden."
	        

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