Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 23.1879 (23)

Stimmen über den didaktischen Materialismus. 
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— Mit Schmerz, und einer Mischung von Mitleid und Zorn, las ich in einem 
Briefe eines Zöglings der untersten dritten Klasse eines Lehrerinnen-Seminars: 
„In den meisten Stunden tragen die betreffenden Lehrer nur vor, während wir 
in der größten Eile nachschreiben. Ich hatte schon Lust, zu diesem Zweck Steno 
graphie zu lernen, doch diese ist so schwer, daß ich es wieder aufgegeben habe. 
Ich wünschte mir und bekam auch zu Weihnachten Gutke's Geographiebuch. Da 
H. N. unser Geographielehrer, ganz wörtlich nach diesem Buche vorträgt, so 
brauche ich in diesen Stunden gar nicht zu schreiben." 
— Eine Tochter, die in einer kleinen Pension der französischen Schweiz unter 
gebracht war, welche von den Töchtern eines kleinen Gutsbesitzers errichtet worden 
ist und geleitet wird, schrieb in einem Briefe: Jetzt machen wir einen Kursus 
der Physik durch, und dann bekommen wir einen Kursus der Astronomie. Hohe 
Namen für dürftige Sachen, denn das waren Diktate, wie man sie auch manchen 
unserer Lesebücher und Kinderfreunde entlehnen könnte. 
— Wie Einer in einem ärmlichen Dorfe der höchsten Schweizeralpen in der 
Schule das Linnee'sche Pflanzensystem ableiern hörte, ohne daß eingestandener 
maßen die Lehrerin bei dem bisherigen Unterricht auch nur Pflanzen dabei vor 
gezeigt hätte, ist schon früher einmal im Evangel. Schulbl. ausführlich zu lesen gewesen. 
— Wie ich das Multipliciren und Dividiren mit Brüchen lernte? Nun, wir 
bekamen einfach die mechanische Regel: beim Erstern wird Zähler mit Zähler und 
Nenner mit Nenner multiplicirt, bei dem Dividiren kehrt man den Divisor um 
und verfährt dann wie bei dem Multipliciren. Damit war es abgethan. Wie 
schnell ging doch das! Man sieht, bei dem didaktischen Materialismus ist auch 
in Bälde ein tüchtig Stück Arbeit fertig zu bringen. Das empfiehlt ihn außer 
ordentlich. Erst als ich, selbst noch Schüler, jüngere Knaben in den Brüchen 
vornahm, mußte ich suchen, selbst auf mühsamem Wege das zu finden, was an 
Verständniß und bewußtem Einblick in die Sache jene dürren mechanischen Regeln 
mir nicht gegeben hatten. Meine Freude, auf einfach elementarem Wege das 
gefunden zu haben, was ich suchte, war die eines Entdeckers. Zugleich war die 
gewonnene Einsicht und die darin liegende Begründung jener mechanischen Regel 
mir unverlierbar, denn ich konnte Alles immer wieder im Geiste rekonstruiren. 
— Wenn es noch hie und da kirchliche Prüfungen vor der Konfirmation giebt, 
für die nicht bloß Fragen und Antworten wörtlich auswendig gelernt werden, 
sondern selbst solche, bei denen die einzelnen Konfirmanden auch die einzelnen 
Fragen vorher wissen, an die sie gerade kommen werden, so wird das wohl auch 
didaktischer Materialismus und Mechanismus zu nennen sein, und zwar eine 
besonders schlimme Art desselben. 
— Jener eifrige Katechet, der die Lüge zu behandeln hatte, begann so: Du, 
A., hast du schon einmal gelogen? A. muß doch eine Antwort geben, er ant 
wortet also: Ja! Der Katechet, mit diesem Resultat befriedigt, wendet sich weiter 
an den zweiten mit den Worten: Der folgende, B., was hast du da gekriegt? — 
— Der kleinste Bub' treibt oft schon seinen didaktischen Materialismus. Jener 
badische Bauernknabe, befragt, ob er auch schon das Vaterunser beten könne, ant 
wortete: „Ne, aber de Wis" (die Weise)! und damit stellte er sich, die Hände 
faltend und mit ernstem Gesicht murmelnd, hin, wie er diese Weise von Andern 
beim Beten gesehen hatte. 
— Da war ein Kind, ein liebliches Mädchen mit gutem Gedächtniß, von etwa 
3 bis 4 Jahren; es wurde mitten in die Stube oder gar auf den Tisch gestellt,
	        

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