Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 23.1879 (23)

Beilage zum Evangelischen Schulblatt. 
Deutsche Kchutzeitung. 
Mitte Dezember 1879. 
Berichtigung einiger landläufigen etymologischen Irrthümer 
in unserer Schul-Literatur. 
Von vr. W. Jütting. 
Die nachfolgenden etymologischen Bemerkungen sollen zeigen, in wie viele 
und schwere Irrthümer unsere Literatur, namentlich diejenige über die Behandlung 
der Lectüre, noch verstrickt ist und wie schwierig es ist, sich ohne sicheren Geleits- 
mann frei davon zu erhalten. Ich habe mich auf solche beschränkt, die sich wirklich 
noch in der allerneuesten Literatur recht oft finden und deren Berichtigung theils 
für das genauere Verständniß gewisser Texte, theils für die Deutung allgemein be 
kannter und doch oft noch dunkler Ausdrücke wichtig ist. Daß die Ausführungen 
selbst nicht allzukurz bemeffen sind, dürfte eher ein Vorzug als ein Fehler sein, 
da nur Sachkundige kurze Andeutungen zu verstehen psiegen. 
1. Weise wird oft nicht bloß mit weisen, sondern auch mit wissen 
(weiß) in Verbindung gebracht, als ob ein Weiser - ein Wissender sei. 
Das adj. weise, mittelhochdeutsch wlse, altdeutsch wlsi kundig, verständig, dann 
wie im Neuhochdeutschen hochverständig und umsichtsvoll ist nebst dem ursprünglich 
schwachbiegenden weisen (Luther sagt noch: weisete) - kundig machen, zeigen, 
gebildet von dem Präsens des seltenen althochdeutschen Wurzelverbums wisan (Präs. 
wisu, Pät. weis) meiden (vielleicht aus Klugheit). Mit wissen (weiß, wußte), 
mittelhochdeutsch wirren, althochd. wiran, got. vitan, wie niederdeutsch wßten- „im 
Geiste inne haben" hat es nichts gemein, wie jchon das grundverschiedene 8 in 
weise, das auch im niederdeutschen wlse bleibt, von dem r (ß oder ff) - nieder 
deutsch t, zeigt. Das got. vitan bedeutet ursprünglich „sehend inne werden" 
und ist mit lat. viäere „sehen" lautverschoben identisch. Der abstracte Begriff 
des Kennens, Verstehens ging also wie bei dem synonymen einsehen von dem 
Sinnlichen des Sehens aus. 
Zu wissen, und nicht zu weisen, gehört aber das Compositum verweisen 
statt des richtigeren und früher auch üblichen v er weißen - einen Verweiß oder 
eine strafende Zurechtweisung geben, wie die mitteldeutsche Form verwlreu oder 
ndd. verwlten zeigt. 
Dagegen gehört aber die Redensart: jemandem etwas weismachen - vor 
lügen, wieder nicht zu weiß auch nicht zu wissen, sondern zu weise, abgekürzt 
weis. Das im Mittelhochdeutschen aufrichtig gemeinte wls machen, „kundig machen", 
wird jetzt in der Redensart ironisch gebraucht, ist also durch das Gegentheil des 
wörtlich Gesagten zu deuten. 
2. Der Vormund, so liest und hört man oft, soll der M u n d --- Fürsprecher 
für (ehemals vor) die Frau oder den Mündel sein. Wäre der Mund, hier 
das Sprechorgan, das Bestimmende, so könnte doch die Frau mit viel größerem 
Rechte der Vormund des Mannes sein. Schon der Ausdruck der Mündel 
- der unter dem Schutze des Vormundes Stehende, läßt eine andere Bedeutung 
des Wortes Mund vermuthen: mittelhochd. und altdochd. ist die mimt; (ph 
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