Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 23.1879 (23)

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Deutsche Schulzeitung. 
münde), angelsächsisch mund die flache Hand, die Hand überhaupt (wie auch im 
Altnord. mund), dann im uneigentlichen Sinne die Gew alt über eine unselbstän 
dige Person, Schutz und Schirm. Es scheint urverwandt mit lat. manu« 
franz. main Hand zu sein, nicht aber mit lat. muntre, schützen. 
3. Auch in dem alterthümlichen Worte Leumund (Luther: einen bösen 
Leumund machen - verleumden) will man auch das Wort „der Mund" finden und 
erklärt dann die betreffende Katechismusstelle durch: „in der Leute Mund brin 
gen" oder gar „lauten(!) Mund" über Jemand machen. Die neudeutsche Form ist 
regelrecht aus der mittelhochd. liurnunt hervorgegangen und diese mittelst der 
Ableitungssilbe unt gebildet, wie Jugend und Tugend, die im Altdeutschen noch 
die vollere Endung hatten. Im Althochd. heißt Leumund hliumunt und be 
deutet Ruf, Ruhm, Gerücht, daher auch von einem guten wie einem bösen Leu 
mund wie von einem solchen Ruf die Rede ist und der Jurist auch von gut be 
leumdeten, mittelhochd. beliumdeten, Menschen spricht. In verleumden, das 
unnöthiger Weise mit äu geschrieben wird, ist die Bedeutung: „in einen schlechten, 
bösen Ruf bringen" hinlänglich durch die den Grundbegriff verschlechternde Vor 
silbe ver angedeutet. Das beiden Wörtern zu Grunde liegende, aber nicht nach 
weisbare Stammwort hlium (= Lernn) zeigt sich im Altnordischen bliornr, Schall, 
Ruf, im Got. hliuma Ohr (Ruforgan); es ist wurzelverwandt mit dem griech. 
ktyein hören. Wenn auch seine Bedeutung „lauter Mund" sich also als eine 
sinnlose herausstellt, so ist doch das Adj. laut vernehmlich für das Ohr. dem 
Begriffe wie der Bedeutung nach hierher zu stellen: norddeutsch lüd, altfriesisch 
lilüd, altdeutsch hlüt stimmt fast ganz zu lat. elütu8, clytus (in inclutus, in- 
clytus weit gekannt, berühmt) und griech. klytös hörbar. Ferner gehört hierher 
das seltene losen, mittelhochd. losen, altdeutsch hlosen - aufhorchen, lauschen, 
und das davon gebildete noch häufige die L os u n g, das Losungswort- Schlacht 
ruf (2 Macc. 13, 15) Erkennungsruf,- zeichen, und selbst unser lauschen und das 
volksrhümliche laustern, norddeutsch 1ü8tern, welche alle mittelst verschiedener 
Ableitungs-Consonanten aus derselben Wurzel lila, hören, entsprungen sind. 
4. „Zu winden - drehen, umdrehen, gehört nicht überwinden - besie 
gen, welches vielmehr von „winnen", jetzt nur noch in gewinnen - kriegen, 
kämpfen, gebildet ist; ebenso sich unterwinden -- sich unterstehen, den Muth haben". 
Diese Bemerkung habe ich öfter in s. g. onomatischen Lectionen gefunden; sie ist 
aber durchaus falsch. Das Simplex zu unserm gewinnen (a, o) -- besiegen, 
erobern, erringen, ist das jetzt erloschene, aber noch norddeutsch vorhandene, altd. 
winnan, gothisch yinnan zunächst „Schmerz leiden", „laut klagen", dann „ange 
strengt und mühevoll arbeiten", kämpfen, durch Kampf oder Anstrengung erlangen; 
norddeutsch overwinst Ertrag einer mühevollen Arbeit. Davon gab es im Alt 
deutschen eine Comp, überwinnan, angelsächsisch ofervinnan durch Kampf den 
Sieg gewinnen, erringen, überhaupt erlangeu. Dasselbe ist aber schon im Mittel 
hochdeutschen selten und der Begriff scheint auf das von winden (a, u), altdeutsch 
wintan = kreisförmig bewegen, abgeleitete überwinden übergegangen zu sein; 
dies hat im Mittelhochd. die Bedeutung: darüber hinauskommen, übertreffen, 
wozu bewegen, etwas verschmerzen, althochd. ubarwindan durch größere Kraft 
anstrengung überwältigen, besiegen. Es standen sich also altdeutsch ubanvinslan 
und ubarwinnan sehr nahe und der Begriffsübergang hatte das Erlöschen der 
letzteren Form zur Folge. Allein es läßt sich der Begriff des Siegens recht wohl 
auch von dem des Mindens ableiten: der Sieger ringt mit seinem Gegner, bis 
er sich schließlich über ihn windet, die Oberhand bekommt. Mit dem Uebergang 
der eigentlichen Bedeutung in diese uneigentliche verschiebt sich denn auch der Ton 
von oer Vorsilbe auf die Stammsilbe: überwinden — überwi nden.
	        

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