Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 24.1880 (24)

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II. Abteilung. Abhandlungen. 
das Konferenz-Protokoll unterschrieben. Endlich mahnt die Zeit zum Aufbruch; 
jeder wandert wieder vergnügt heim. Der verstorbene Kollege T. sagte von 
Wanderkonferenzen eben beschriebener Art: „Eine solche ist amüsanter, praktischer 
und nutzbringender, als ein Dutzend anderer trockener Konferenzen, bei der man 
mehrere Stunden sitzen und sich langweilen muß;" — und ich sage: sehr richtig. 
Äns Ostpreußen. (Zwangserziehung verwahrloster Kinder.) 
Kinder im Alter von 6—12 Jahren, welche eine strafbare Handlung begangen 
haben, können wegen derselben vor dem Strafrichter nicht zur Verantwortung 
gezogen werden. Dagegen kann das Vormundschaftsgericht, wenn dies zur Ver 
hütung weiterer sittlicher Verwahrlosung des Kindes erforderlich erscheint, anordnen, 
daß dasselbe zur Zwangserziehung in eine Familie oder in eine Erziehungs- oder 
Besserungsanstalt untergebracht werde. Diese Unterbringung liegt sodann dem 
Provinzialverbande ab, welchem jedoch die Hälfte der hierfür aufgewendeten Kosten 
aus der Staatskasse erstattet werden. Der Vormundschaftsrichter teilt den Beschluß, 
welcher die Verweisung eines solchen Kindes zur Zwangserziehung ausspricht, dem 
zuständigen Landratsamt, bezw. Magistrat mit. Diese Behörde übermittelt so 
dann diesen Beschluß behufs Ausführung der Zwangserziehung unter Beifügung 
der vorgeschriebenen Beläge (Geburtsattest, ausgefüllter Fragebogen bezüglich der 
persönlichen Verhältnisse, Bescheinigung des Vormundschaftsgerichtes über die Voll 
streckbarkeit des Beschlusses, amtliche Bescheinigung über die Vermögensverhält 
nisse des Kindes und seiner sorgepflichtigen Verwandten, gutachtliche Äußerung 
über die zweckmäßigste Art, die Zwangserziehung zur Ausführung zu bringen) 
dem Landesdirektor, welcher seinerseits entscheidet, ob das Kind in eine Familie 
oder in eine Erziehungsanstalt und event, in welche untergebracht werden soll. 
Zur Ermittelung einer geeigneten Pflegestelle, sowie zum Abschluß des Kontraktes 
und zur Ausübung der Kontrolle über die Pflegeeltern kann sich der Landesdirek 
tor der Verwaltung der Kreisausschüsse, Magistrate, Amts- und Gemeindevorsteher 
bedienen. 
Eine eigene Erziehungsanstalt besitzt der Provinzialverband unserer Provinz 
bisher nicht, und ist die Errichtung einer solchen auch wohl — wenigstens für 
die nächste Zeit — nicht zu erwarten. So weit es daher nicht gelingt, geeignete 
Familien zu ermitteln, denen die Erziehung der Kinder anvertraut werden kann, 
müssen dieselben auf Kosten der Provinz, bezw. der Provinz und des Staates, in 
Privat-Erziehungsanstalten untergebracht werden. Es sind daher mit mehreren 
solcher Anstalten, nämlich mit dem St. Josephstift in Heilsberg (bezüglich der 
katholischen Kinder), dem Hause der Barmherzigkeit und Emmaus zu Wartenburg 
(für die evangelischen Kinder aus den armländischen Kreisen), dem masurischen 
Erziehungshause in Lötzen, der Erziehungsanstalt in Gropischken bei Prökuls, 
Kreis Memel (bezüglich der evangelischen Kinder) Verträge abgeschlossen, auf Grund 
deren denselben verwahrloste Kinder in geeigneten Fällen überwiesen werden. Es 
ist ferner der Abschluß eines gleichen Vertrages hinsichtlich der Mädchen evangeli 
scher Konfession mit der Erziehungsanstalt zu Schönbruch (Kreis Friedland) zu 
erwarten. 
Die Zwangserziehung dauert bis zum vollendeten sechzehnten Lebensjahre 
und kann ausnahmsweise durch Beschluß des Vormundschaftsgerichtes bis zum 
vollendeten achtzehnten Lebensjahre ausgedehnt werden. Frühere Entlassung kann 
der Provinzialausschluß beschließen, wenn der Zweck der Zwangserziehung erreicht
	        

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