Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 24.1880 (24)

Die Rede des Ministers von Puttkamer. 
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samkeit angedeihen zu lassen. Eine Prüfung in dieser Beziehung ist auf Anregung 
der bekannten Debatte des vorigen Winters durch meinen Herrn Amtsvorgänger 
eingeleitet worden. Die Berichte liegen jetzt sämtlich vor von Seiten der Be- 
zirksregieruugen, und da muß ich allerdings sagen, es ergiebt sich aus diesen 
Berichten, daß die Zahl der zur Kenntnis der vorgesetzten Behörde kommenden 
disziplinarischen und Straffälle innerhalb des Volksschullehrerstandes doch größer ist, 
als selbst bei Anlegung eines nachsichtigen Maßstabes es der Fall sein dürfte. 
Unter den gerichtlichen Straffällen namentlich befindet sich doch eine leider 
nicht unerhebliche Zahl von solchen, die auf eine sehr tiefe sittliche und moralische 
Versunkenheit einzelner Individuen den Schluß zu ziehen uns nötigen. 
M. H., Sie werden nun. fragen, worin liegen denn die Wurzeln dieser 
immerhin für unser öffentliches Leben nicht unbedenklichen Erscheinung? und da 
möchte ich zunächst das betonen, worin ich finde, daß sie nicht liegen, weil es ja 
neulich schon hier im Hause angedeutet ist. M. H., wenn in unserm Lehrerstande 
au einzelnen Stellen die sittlichen Grundlagen zu wanken scheinen, so behaupte ich 
hier mit vollster Bestimmtheit, daß der Grund dafür in unserm Seminarbildungs 
wesen jedenfalls nicht zu suchen ist. Ich kenne das preuß. Seminarwesen zwar 
nicht als Techniker, aber ich kenne es doch in sehr vielen seiner einzelnen Institute 
aus langjähriger einzelner Erfahrung und kann doch sagen, daß unser Seminar- 
wesen beider Konfessionen, wie es heute gestaltet ist, und wie es auch unter der 
Amtsführung meines Herrn Amtsvorgängers sich entwickelt hat, die völlige Garantie 
für eine sittlich religiöse Ausbildung der künftigen Volksschullehrer bietet. Ich 
möchte wirklich bitten, m. H., sich mit Vorurteilen, die in dieser Beziehung gerade 
in dem jetzigen Kampfe der verschiedenen konfessionellen Richtungen sehr leicht ent 
stehen, nicht befassen zu wollen. Wir müssen doch den Thatsachen ins Auge sehen, 
und da sage ich, bevor mir nicht aus dem ganzen System unserer Seminare — 
aber in concreto, m. H., nicht bloß in allgemeinen Redewendungen — nachge 
wiesen ist, daß für die sittlich religiöse Ausbildung der Zöglinge die Garantieen 
nicht gegeben sind, so lange glaube ich es nicht und bestreite es. 
Aber wenn nun die Thatsache zugegeben ist, daß die Haltung des Volks 
schullehrerstandes manches zu wünschen übrig läßt, so muß man natürlich nach den 
Quellen dieser Erscheinung suchen. Denn nur wenn man die Quellen findet und 
aufdeckt, kautt man sich klar darüber werden, was etwa zu geschehen hat von 
generellen Maßregeln, um der Thatsache selbst entgegenzutreten. 
Ich habe also, m. H., das können Sie mir wirklich ohne besondere Ver 
sicherung glauben, sehr viel in den letzten Monaten darüber nachgedacht, worin es 
denn zu finden sei, daß wir es zu beklagen haben, daß die sittliche Haltung der 
Lehrer in manchen Beziehungen zu wünschen übrig läßt, und da glaube ich, ist 
als Grund folgendes zu bezeichnen. Von allen öffentlichen Institutionen, m. H., 
steht die Volksschule dem praktischen Leben und den Bedingungen, von denen 
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