Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 24.1880 (24)

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Korrespondenzen. 
Aug Schlesien. (Errichtung von Taub st ummen-Schulen in 
Schlesien. — Einführung des Handfertigkeits-Unterrichts in 
Oberschlesien.) In Schlesien bestehen 3 Taubstummen-Lehranstalten, nämlich 
zu Breslau, Liegnitz und Ratibor. Die Anmeldungen zu diesen Instituten sind 
so zahlreich, daß eine große Anzahl taubstummer Kinder keine Aufnahme finden 
kann. Deshalb beabsichtigt der Provinzial-Ausschuß der Provinz Schlesien, mehrere 
kleine Taubstummenschulen zu errichten. Für die Errichtung derselben sind nach 
der „Schlesischen Schulzeitung" die fünf Städte: Bolkenhain, Löwenberg, Strehlen, 
Beuchen O. S. und Neustadt O. S. iu Aussicht genommen. Über die Ein 
richtung dieser Schulen, die Verpflegung der Kinder ist folgendes bekannt gegeben. 
In diesen Taubstummenschulen sollen bildungsfähige taubstumme Kinder im 
Alter von 8—14 Jahren unterrichtet werden. Jede Schule soll 6 Klassen 
und 6 Lehrer erhalten, die Schülerzahl einer Klasse soll 10—12 sein. Die 
Schüler sollen in der Anstalt selbst nicht untergebracht werden, sondern bei geeig 
neten Bürgerfamilien am Orte in Kost und Pflege gegeben werden, und zwar 
gegen ein für Rechnung der Schule zu zahlendes Pflegegeld, und unter fortgehender 
Aufsicht des Anstalts-Vorstandes über die häusliche Erziehung. Eine Hauptsache 
der ganzen Organisation ist die Auswahl der geeigneten Pflegeeltern und die 
richtige und genaue Feststellung der von diesen zu übernehmenden Verpflichtungen. 
Es ist notwendig, solche Familien ausfindig zu machen, die nicht um des Ge 
winnes willen ein taubstummes Kind aufnehmen, sondern bei welchen Menschenliebe 
und Barmherzigkeit das Hauptmotiv ist. Die Familien müssen unbescholten und 
zuverlässig sein und eine solche Lebensweise führen, daß sie bei dem ihnen zu 
gewährenden Kostgelde keine Einbuße erleiden. Ferner ist Voraussetzung, daß 
mindestens die Hausmutter durch ihr Geschäft ans Haus gebunden ist. Zu 
manchen Hülfsleistungen im Hause und in der Werkstätte dürfen die Pfleglinge 
herangezogen werden. Notorisch arme Familien und solche, welche von der gezahlten 
Pension lediglich leben wollen, sind ausgeschlossen. Die Pflegeeltern sollen in der 
Regel den gesamten Unterhalt incl. Reparatur der Kleidung und Reinigung der 
Wäsche übernehmen, dagegen soll die Neubeschaffung der Kleidung und die not 
wendig werdende ärztliche Pflege auf Rechnung der Anstalt geschehen. Die Ent 
wicklung einer solchen Schule ist so gedacht, daß im ersten Jahre nur 12 Schüler 
im Alter von etwa 8 Jahren ausgenommen werden, dieselben sollen während des 
ersten Jahres von einem Lehrer durch die unterste Klasse geführt werden. Im 
nächsten Jahre würden diese Schüler die 2. Klasse bilden; es würde Dann ein 
zweiter Lehrer angestellt und 12 neue Schüler in die unterste Klasse aufgenommen 
werden. So würde nach Ablauf von 6 Jahren die Schule vollständig mit 6 
Lehrern und 72 Schülern organisiert sein. Was die Schullokale anlangt, machen 
diese Anstalten hiernach nur sehr mäßige Ansprüche und können dieselben sich zunächst 
mit gemieteten Räumlichkeiten begnügen. — 
Ein weiterer Gegenstand allgemeineren Interesses ist die beabsichtigte Ein 
führung des Handfertigkeits-Unterrichts in den Notstandsdistrikten Oberschlesiens. 
Der verflossene Winter hatte tiefe Blicke in die Verkommenheit eines großen Teils 
der oberschlesischen Bevölkerung eröffnet, die allen die Pflicht nahe legte, möglichst 
bald auf gründliche Abhülfe Bedacht zu nehmen. Auf Ersuchen d's Ministeriums 
hat der dänische Rittmeister a. D. von Klausou-Kaas im vorigen Frühjahre aus
	        

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