Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 25.1881 (25)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
der Kinder sich verfeinert, ihr Urteil ein richtiges wird, wie sie in Milde der 
Gesinnung zunehmen; wie sie lernen, ein Unrecht verzeihen, wie sie herzliches Mit 
leid empfinden auch mit dem, der sich durch eigene Schuld ins Unglück gebracht 
hat. Es haben daher manche Erzähler Lehre und Ermahnung zurückgedrängt 
oder in den Gang der Begebenheiten verwoben, so daß es dem Leser überlassen 
bleibt, die Moral zu finden. So entstanden die uovellenartigen Jugendschriften, 
die Zeit- und Charakterbilder, welche die Jugend, besonders wenn noch Alter und 
Geschlecht die verdiente Berücksichtigung finden, lebhaft begehrt und so lieb gewinnt, 
daß sich in der That sagen läßt: Fängt sie dieselbe an zu lesen, so ist es ihr rein 
unmöglich, ein Bändchen wegzulegen, bevor sie solches ausgelesen hat. 
Aber nur wenige Meister haben die Kunst des Erzählens recht verstanden. 
Wir rühmen darum Namen, wie Christoph von Schmid, Barth, Karl Stöber, 
Heinrich von Schubert, Ottilie Wildermuth, Gustav Nieritz, Franz Hoffmann und 
Ferdinand Schmidt. Die meisten ihrer verdienstvollen Jugendschriften können zur 
Einführung in unsere Jugendbibliotheken mit bestem Gewissen warm empfohlen 
werden. 
§ 27. Jugendschriften geschichtlichen Inhalts. 
Jeder Pädagoge weiß, welche wunderbare, ja unwiderstehliche Macht in dem 
Beispiel verborgen liegt. Exempla trahunt, und Jean Paul sagt in seiner 
Levana: „Leben zündet sich am Leben, mithin das Höchste im Kinde nur durch 
Beispiel." Wie es sich mit den Künsten verhält, welche man nur an einem 
Muster erlernt, ebenso verhält es sich mit dem Charakter, mit der Sittlichkeit; es 
mnß dem Zögling vorgelebt werden, wie er sein soll. Es giebt darum in der 
Pädagogie nichts wichtigeres als das Vorbild. Der Schüler kann sich weder dem 
guten, noch dem üblen Einfluß des Vorbildes entziehen; denn dasselbe veran 
schaulicht das pflichtgemäße Handeln und wirkt damit auf die Phantasie und 
das Gefühl, welches den Willen beeinflußt. Schleiermacher weist darauf hin, daß 
Lebensbilder die besten Vorsätze zur Nacheiferung wachrufen, wenn er behauptet, daß 
konkret und individuell gezeichnete Charaktere durch inneres Erfassen der Indivi 
dualität vollendeter Männer und Frauen die eigene ausgestalten, und wenn er uns 
Erzieher auffordert: „Erfüllt nur den Knaben mit Bildern der Helden der großen 
Menschen, und sein angebornes Ideal wird rege und munter werden." Wir erinnern 
an Alexander den Großen, der in seiner Jugend am liebsten die Erzählungen 
von den Großthaten der alten griechischen Helden hörte, denen er gleich werden 
wollte. Homer war deshalb sein Lieblingsbuch; er hatte es des Nachts unter 
seinem Kopfkissen liegen, um darin zu lesen, sobald er erwachte. Als er später 
die Ruinen von Troja besuchte, schmückte er das Grabmal des alten Helden 
Achilles mit Blumen und rief: „O glücklicher Achilles, der du im Leben einen 
treuen Freund und im Tode einen Sieger deiner Thaten gefunden hast!" Hier
	        

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